"Ein
Überblick über die Jazzgeschichte"
von Dr. Wolfram Knauer
Jazz-Instituts Darmstadt
1. Definition und Etymologie
Der Jazz ist eine aus dem Zusammentreffen afrikanischer und
afro-amerikanischer sowie europäischer Musik-
traditionen entstandene Musik
vornehmlich improvisatorischen Charakters. Seine direkten Wurzeln liegen in
geistlichen und sekulären Musizierformen des 19. Jahrhunderts. Der Jazz
entwickelte sich im 20. Jahrhundert
von einer im Brauchtum verwurzelten mehr
oder weniger regional bedeutsamen Musik (New Orleans) über
seine Funktion als
Popularmusik (Swing) hin zu einer Kunstmusik mit mehr oder weniger breitem
Publikums-
verständnis (Bebop, Free Jazz). ...[mehr]
Der Ursprung des Begriffs "Jazz" ist nicht ganz geklärt. Theorien nennen
seine Herkunft von abgeänderten
Personennamen ("Jasbo"), als Ableitung aus
fremden Sprachen (beispielsweise aus dem französischen "jaser"
oder aus
afrikanischen Sprachen) und vor allem aus der Umgangssprache, mit deutlichen
sexuellen Assoziati-
onen, die sich aus der Funktion des Jazz als Tanzmusik
genährt haben mögen. Als musikalischer Terminus ist
"Jazz" erstmals zwischen
1913 und 1915 belegt und hat sich spätestens 1917 mit dem populären Erfolg der
"Original Dixieland Jazz [Jass] Band" etabliert. ...[mehr]
2. Vorformen des Jazz
Der Jazz hat sich sich aus verschiedenen Formen afro-amerikanischer
Volksmusik entwickelt. Deren Wurzeln
sind sowohl in Afrika als auch in Europa zu
finden. Die aus Afrika verschleppten Sklaven brachten eigene Kultur-
formen und
Rituale mit, die sie auch in der Neuen Welt beibehielten. Je nachdem, wieweit
solche Kulturtraditio-
nen von Sklavenbesitzern unterdrückt wurden, können bis ins
20. Jahrhundert hinein direkte Traditionsstränge
von Afrika nach Amerika
nachgewiesen werden (vgl. Dauer 1985, Kubik 1999). Die afrikanische Kultur ist
eine
orale Kultur. ...[mehr]
Die erzwungene Entfremdung afrikanischer Sklaven und ihrer bereits in Amerika
geborenen Kinder von ihrer alten
Kultur, aber auch die Tatsache, daß der
Sklavenhandel Menschen verschiedenster afrikanischer Kulturen zusam-
menbrachte,
machte sich in einem Verlust kultureller Identität bemerkbar. Um in der neuen
Umgebung zu über
leben, mußte eine Akkulturation der Schwarzen an das weiße, also
europäische Sozialgefüge, an Gesellschafts-
normen und -anschauungen, an weiße
Wertvorstellungen stattfinden. ...[mehr]
Zu den frühesten Beispielen einer ausgeprägt afro-amerikanischen Musik im 19.
Jahrhundert zählen Spirituals,
Work Songs und Field Hollers. Vor allem in den
Spirituals findet man dabei sowohl Elemente aus europäischer
Musik (Hymnen) als
auch solche afro-amerikanischer Provenienz (spezielle Tonbeugung, Vortragsart).
Als deut-
lichste Beziehung zur afrikanischen Musik weisen die meisten afro-amerikanischen Musizierformen des 19. Jahr-
hunderts die Aufteilung in
Vorsänger und Chor, Prediger und Gemeinde (congregation) auf – entsprechend dem
afrikanischen master drummer und den untergeordneten Trommlern, und entsprechend
dem call and response
im Blues und im späteren Jazz.
...[mehr]
Auch in der Kunstmusik taten sich Afro-Amerikaner hervor. In etlichen
Berichten über umherreisende Klaviervir-
tuosen des 19. Jahrhunderts – z.B. Thomas
Greene Bethune ("Blind Tom") – wird über deren Fähigkeit zur spon-
tanen
Improvisation über gegebene Themen berichtet. ...[mehr]
3. Frühe Stilarten (New-Orleans-Stil bis Swing)
Die Geschichtschreibung einer improvisierten Musik ist auf die Dokumentation
musikalischer Ereignisse ange-
wiesen, will sie sich nicht in Legenden erschöpfen.
Die Jazzgeschichtsschreibung ist ohne das Medium der
Schallplatte nicht denkbar.
Die Legenden um den Trompeter Buddy Bolden (1877-1931) beispielsweise
beleuchten die Sozialgeschichte des frühen Jazz und die Stellung eines schwarzen
Musikers zu Beginn
dieses Jahrhunderts. Seine Musik selbst allerdings ist für den Historiker
verloren, da er in eine Nervenan-
stalt eingewiesen wurde, bevor Schallplattenaufnahmen allgemein üblich waren
(Marquis 1978). ...[mehr]
Die Stilbezeichnungen "New Orleans Jazz" oder "Dixieland" sind auswechselbare
Termini. In der Literatur
werden sie meist durch die Rassenzugehörigkeit der
betreffenden Musiker unterschieden: New-Orleans-
Jazz ist nach dieser Definition
eine schwarze, Dixieland eine weiße Musik. Durch das Revival des frühen
Jazz in
den 40er Jahren wird eine solche Unterscheidung noch verstärkt:
New-Orleans-Kapellen orientie-
ren sich nun an den Aufnahmen von King Oliver's
Creole Jazz Band, Louis Armstrong's Hot Five und Hot
Seven oder Jelly Roll
Morton's Red Hot Peppers. ...[mehr]
Ein weiterer Stilbegriff für die 20er Jahre bringt noch mehr Verwirrung: Die
Musik einiger junger weißer
Chicagoer Musiker jener Zeit, die dem Spielideal
Louis Armstrongs nacheiferten, wird allgemein als "Chi-
cago-Stil" bezeichnet. New
Yorker Musiker um den Trompeter Red Nichols (1905-1965) und den Posau-
nisten Miff
Mole (1898-1961) wiederum orientieren sich stark an der Spielhaltung weißer
Musiker wie Bix
Beiderbecke (1903-1931) und Frankie Trumbauer (1901-1956).
...[mehr]
Der Jazz entwickelte sich in New Orleans aus einer langen Tradition
afro-amerikanischen Musizierens her-
aus. Neben Überlieferungen afrikanischer
Musik ist das lebendige musikalische Leben im New Orleans des
19. Jahrhunderts
für die Entstehung des Jazz verantwortlich. New Orleans besaß das erste
Opernhaus der
Vereinigten Staaten, Sinfonieorchester und Chorvereine. ...[mehr]
4. Moderne Stilarten (ab Bebop)
In der oft legendenreichen Jazzgeschichtsschreibung wird berichtet, wie
einzelne schwarze Musiker in den
großen Swingorchestern mit der
durcharrangierten und oft seichten Musik unzufrieden wurden, die sie für
Tanzveranstaltungen zu spielen hatten. Man traf sich zwar immer wieder zu
spontanen Jam Sessions, in
denen Improvisationschorusse an
Improvisationschorusse gereiht wurden, doch der tägliche Broterwerb
war für
kreative Musiker eher langweilig. Die schwarzen Musiker wurden es zudem leid –
so die Legende
weiter –, daß Weiße immer und überall einstiegen und letztlich das große Geld
mit einer ursprünglich schwar-
zen Musik machten – es war Benny Goodman und kein schwarzer Musiker, der von den
Medien in den 30er
Jahren zum "King of Swing" erklärt wurde. ...[mehr]
Der neue Stil legt mehr Wert auf Improvisation als auf Komposition oder
Arrangement. Die Themengrund-
lagen sind dieselben Standards der Swingära. Nur
sind deren Harmonieprogressionen nun mit neuen melo-
dischen Themen und einem
neuen Namen versehen. Als Harmoniegrundlage dienen beispielsweise How High
the
Moon (Bebop-Kontrafakt: Ornithology; vgl. Notenbeispiel 8), Indiana (Bebop-Kontrafakt:
Donna Lee)
oder What Is This Thing Called Love (Bebop-Kontrafakt: Hot House). Am
beliebtesten aber sind der Blues
und die changes über George Gershwins I Got
Rhythm. ...[mehr]
Der Bebop beinhaltete ein Element des Experimentellen. Die Musiker setzten
sich auch außerhalb der Jam
Sessions zusammen und diskutierten musikalische
Probleme. Einige experimentelle Orchester arbeiteten
in jenen Jahren mit
erweiterten Formmodellen, die über die im Jazz übliche Chorusreihung
hinausgehen.
An vorderster Front dieser Experimente steht der Pianist und
Orchesterleiter Stan Kenton (1911-1979),
der seine Musik als "progressive jazz"
beschrieb. In den vergleichbaren Bands von Boyd Raeburn (1913-
1966) und Claude Thornhill (1909-1965) saßen bekannte Bebop- und spätere
Cool-Jazz-Musiker. ...[mehr]
Der Terminus "cool" bezieht sich auf eine Grundhaltung des Musizierens. Im
Gegensatz zum Bebop ist das
Spielideal des Cool Jazz eher introvertiert.
Komposition wie Improvisation gehorchen einem intellektuellen
Kunstverständnis.
Die meisten Cool-Musiker hatten Universitäts- und Konservatoriums-Studien hinter
sich.
Sie sahen ihre Musik in erster Linie als Kunst-, d.h. als Hörmusik. Sie
drängten den funktionellen Aspekt die-
ser Musik noch weiter zurück als im Bebop.
Begriffe wie "understatement", "relaxed", Lyrik, Verhaltenheit
charakterisieren
das Spielideal des Cool Jazz. "Cool" ist dabei natürlich auch ein
terminologischer Gegen-
satz zum "hot" früherer Stile. ...[mehr]
Cool-Jazz-Musiker verwenden ihr "cool"-Spielideal auf allen Ebenen. Trompeter
und Saxophonisten spielen
mit möglichst wenig Vibrato, der Ton wirkt "reiner"
als in Jazzstilen, in denen sich die Intonation an vokalen
Stimmidealen
orientiert. Die Besetzung spiegelt oft jene der Miles Davis' Capitol Band wider,
aber auch den
"progressive jazz" Stan Kentons. Bislang im Jazz unübliche
Instrumente finden Eingang sowohl in die Orche-
stration komponierter Partien als
auch in die Sologestaltung: Neben den konventionellen Jazzinstrumenten
sind auch
Oboen, Fagotte, Flügelhörner, Hörner, Tuben, Harfen u.ä. zu hören. ...[mehr]
Die Beschäftigung mit kompositorischen Möglichkeiten innerhalb der
Jazzsprache führte in den 50er Jahren
zum Third Stream. Der Terminus selbst
wurde vom Komponisten Gunther Schuller (geb. 1925) geprägt und
bezeichnet eine bewußte Vermittlung zwischen Traditionen europäischer und afro-amerikanischer
Musik bzw.
in seinem späteren Verständnis allgemein zwischen unterschiedlichen
Musiktraditionen und -kulturen. Das Er-
gebnis soll keine unabhängige "neue" Musik
sein, sondern ...[mehr]
Neben Cool Jazz und Third Stream galt das Interesse vieler (vor allem
schwarzer) Musiker in den 50er Jah-
ren dem Hard Bop, einer in der Tradition des
Bebop verwurzelten Musik mit stark antreibender Rhythmik.
Die Aufnahmen der
Bands von Art Blakey (1919-1990) oder Horace Silver (geb. 1928) verzeichnen
dabei
eine weitere Rückwendung des Jazz auf roots, die teilweise im Jazz,
teilweise in Parallelströmungen des
Jazz (Blues, Gospel), teilweise auch
außerhalb des Jazz (afrikanische Musik) liegen. Miles Davis (1926-
1991) und John
Coltrane (1926-1967) bilden innerhalb dieser Stilsprache in den 50er Jahren ihre
modale
Improvi-sationstechnik als folgerichtigen Versuch aus, harmonische
Errungenschaften des Bebop weiterzu-
entwickeln. ...[mehr]
Free Jazz
In den späten 50er Jahren entwickelten einige Avantgarde-Musiker in New York,
aber auch in anderen Zen-
tren der USA neue Spielkonzepte, die sowohl
improvisatorische als auch kompositorische Bereiche einschlos-
sen. Der neue Stil
der 60er Jahre wurde nach dem Plattentitel einer LP von Ornette Coleman "Free
Jazz"
getauft. Der Terminus selbst ist nicht unproblematisch, denn die durch ihn
implizierte Freiheit in bezug auf
traditionelle Spielhaltungen des Jazz besitzt
diese Musik nur bedingt. ...[mehr]
Auch Komposition ist dem Free Jazz durchaus nicht fremd. Cecil Taylor
beispielsweise fertigt blockhafte,
sehr komplexe Kompositionen, in deren
Realisationen man den Unterschied zwischen Improvisations- und
oral vermittelten
Kompositionspartien oft nicht mehr unterscheiden kann. Ornette Colemans
Kompositio-
nen orientieren sich vielfach an der konventionellen Bebop-Praxis der
Themenrahmung im Unisono der
Frontinstrumente – wenn auch seine Ensemblepassagen meist wie ein etwas schiefes
Unisono klingen,
in dem jedem der Melodieträger ein leicht verändertes rhythmisches Konzept des
Themas vorschwebt.
...[mehr]
Fusion
In den 60er Jahren war die Entwicklung des Jazz
zu einem Höhepunkt, ja scheinbar zu einem Endpunkt
gelangt. Der Jazz hatte sich konsequent von einer im Volkstum verwurzelten Musik
hin zu einer Kunstmu-
sik entwickelt. Dabei nahm vom New Orleans Jazz zum Swing, vom Swing zum Bebop,
vom Bebop zum
Free Jazz die Komplexität der melodischen, rhythmischen und harmonischen Ebenen
zu, wobei schließlich
sogar einige der Grundfesten solcher Parameter aufgelöst wurden. ...[mehr]
Eine Gegenbewegung musikalischer wie ökonomischer Art ist die Fusion der 70er
Jahre, in der Musiker einer-
seits versuchten, der scheinbaren Komplexität des
Free Jazz simple Formen entgegenzustellen, andererseits
statt des elitären
Publikums der 60er Jahre wieder ein Massenpublikum für den Jazz zu
interessieren. ...[mehr]
Den beginnenden Erfolg der Fusion markiert Miles Davis' LP "Bitches Brew" von
1969. Neben Davis strebten
damals auch Musiker von anderen Seiten einer solchen
Fusion zwischen Jazz und Popularmusik zu. Frank
Zappa (1940-1993) beispielsweise
ließ in seinen Personalstil Elemente aus dem aktuellen Jazz wie aus der
zeitgenössischen komponierten Musik einfließen. Der Gitarrist Jimi Hendrix
(1942-1970) war nicht nur ein
Popidol, sondern auch bei vielen Jazzmusikern
wegen seiner Improvisationsgabe hochangesehen. ...[mehr]
Zuvor war der Jazz – abgesehen von der elektrisch verstärkten Gitarre und
einigen Ausflügen in die Rock- und
Popinstrumentalistik – eine akustische Musik
gewesen. Das änderte sich bereits 1968, als in der Miles Davis Band
außer dem
Trompeter, einem Saxophonisten und einem Schlagzeuger nur elektrische
Instrumente spielten: drei
Keyboards, E-Baß und E-Gitarre. Die Fusion-Szene der
70er Jahre wurde von Musikern angeführt, die in Davis'
Band von 1968 mitgewirkt
hatten. ...[mehr]
Die in der Fusion zunehmende Lautstärke von Keyboards, E-Bässen und
E-Gitarren führte dazu, daß auch
Bläser und Schlagzeuger verstärkt wurden und
die Lautstärke bei Konzerten einen erheblich höheren Pegel
erreichte als zuvor.
Nicht zuletzt diese Tatsache unterstützte das negative Urteil der Jazzpuristen
gegen
die Fusion. Miles Davis wurde für viele – und zwar auch für viele seiner
vorherigen Anhänger – zum Toten-
gräber des Jazz. Sein Bekenntnis, es sei ihm
wichtig, mit seiner Musik Geld zu verdienen, störte zudem
die über Jahrzehnte
gewachsene Ästhetik vom Jazz als einer Kunst, die nicht nach Geld, sondern nur
nach
Erfüllung ihres Kunstzweckes trachte. ...[mehr]
Die 80er Jahre Der Jazz geriet in den 70er
Jahren in eine deutliche Krise. In den 60ern war die Musik in der
oben skizzierten Entwicklung einer immer stärker werdenden Komplexität an einen
Zielpunkt gelangt, nach
dem eine weitere Entwicklung unmöglich schien. Mit der Fusion und einer
akustisch-romantischen Spielhal-
tung in den 70er Jahren schien eine vollkommene Abkehr von jenen ästhetischen
Idealen gegriffen zu haben,
die zuvor die Avantgarde dieser Musik ausmachten. ...[mehr]
Im Laufe der 80er Jahre wurden viele der einst relativ preiswerten Wohn- und
Künstlerlofts in schicke Apart-
ments, Büros oder Geschäftsräume umgewandelt.
Bereits Mitte der 80er Jahre gab es keinen nennenswerten
Musikloft mehr in
Manhattan. Die Avantgarde-Musiker fanden ihre hauptsächlichen Spielmöglichkeiten
nun
mehr als zuvor vor allem in Europa. Innerhalb Manhattans blieb eigentlich
nur noch die Knitting Factory übrig,
in kleiner Club, in dem neben
Avantgarde-Jazzern auch die Avantgarde-Rockszene, Folksänger oder Klezmer-
Bands
eine Heimstatt fanden. ...[mehr]
Nicht nur der erstarkende Markt für einen eher der Tradition zugewandten Jazz
führte in den 80er Jahren
dazu, daß sich mehr und mehr Musiker in ihrem Schaffen
mit der Jazzgeschichte auseinandersetzten. Auch
die vermehrte Behandlung der
Jazzgeschichte im Schul- und Musikunterricht der Vereinigten Staaten, die
vielen
Departments for Black Studies an den Universitäten brachten ein erneutes
Interesse an der Jazzge-
schichte hervor. Seit Mitte der 80er Jahre gibt es
etliche professionelle sogenannte Repertory Orchestras,
die Originalarrangements oder gar Transkriptionen von Aufnahmen der
Jazzgeschichte vor vollen Häusern
aufführen. ...[mehr]
Verweise auf Stilmomente aus Stride, New Orleans, Bebop, Hard Bop oder auf
einzelne Persönlichkeiten der
Jazzgeschichte sind in den eklektischen
Stilrichtungen sowohl der Neo-Klassizisten als auch der Avantgardisten
der 80er
und 90er Jahre zu finden. Solch eine Auseinandersetzung mit der eigenen
musikalischen Tradition ist
nicht neu – schon Charles Mingus legte
beispielsweise Wert darauf, daß seine Pianisten sämtliche Klavierstilisti-
ken des Jazz beherrschten. ...[mehr]
5. Jazz in Europa
Die Rezeption des amerikanischen Jazz in Europa läßt sich in zwei Phasen
einteilen: die der Imitation und
die der Emanzipation des europäischen vom
amerikanischen Jazz. Die Emanzipationsphase ist etwa in die
späten 50er und
frühen 60er Jahre einzuordnen. Zuvor hatte eigentlich nur der belgische
Gitarrist Django
Reinhardt (1910-1953) eine eigenständige Stilistik entwickelt,
die in der Folge nicht nur in Europa, sondern
selbst im Ursprungsland des Jazz,
den USA, von Einfluß war. ...[mehr]
Bereits in den frühen 20er Jahren kam der der Jazz als Modemusik nach Europa.
Europäische Musiker, aber
auch europäische Komponisten kannten ihn in der
Hauptsache aus Notenveröffentlichungen und frühen Anlei-
tungsbüchern, kaum aus
eigener Hörerfahrung. Amerikanische Bands waren nur selten und wenn, dann
höchstens in den europäischen Metropolen zu hören. Die Original Dixieland Jazz
Band, das Vaudeville-Duo
Sissle and Blake sowie Will Marion Cooks Southern
Syncopated Orchestra traten 1919 in Europa auf. In den
20er Jahren kam im
Gefolge der Sängerin Josephine Baker das Orchester des Pianisten Sam Wooding
(1895-
1985) nach Europa, in dem Musiker wie Garvin Bushell (1902-1991), Tommy
Ladnier (1900-1939) und Doc
Cheatham (geb. 1905) zu hören waren.
...[mehr]
Der Jazz der 20er Jahre war vor allem eine Modeerscheinung. Salonorchester
wandten sich dem neuen Stil
zu, weil die Tänzer dies verlangten; Komponisten
sahen in Besetzung, Klangfarbe, Synkopen und Blueshar-
monien des Jazz ein Abbild
moderner Zeiten. Unter den Komponisten aus dem Bereich der E-Musik hatte nur
Darius Milhaud auf einer New-York-Reise den originalen amerikanischen Jazz
gehört. Seine Komposition La
Creation du Monde (1923) wird daher nicht ohne
Grund als wichtigstes den Jazz rezipierendes Werk zu Be-
ginn dieses Jahrhunderts
betrachtet. Auch die anderen Komponisten der Gruppe Les Six, Igor Strawinski,
Paul
Hindemith und benutzten für etliche ihrer Werke Jazzelemente. Ernst Krenek
schrieb 1927 seine überaus
erfolgreiche Oper Jonny spielt auf, die immer wieder als "Jazz-Oper" tituliert
wurde. ...[mehr]