Presse 2004

 

 

10. 12. 2004                  Christoph Spendel

20. 11. 2004                  Jimmy Woode      

13. 11. 2004                  Trio Projekt         

10. 11. 2004                  Billy Cobham        

09. 10.                            Ernie Watts          

01. 10. 2004                  Larry Coryell        

24. 09. 2004                  Masha Bijlsma     

18. 09. 2004                  Fink/ Kienastl        

08. 05. 2004                  Efrat Alony             

17. 04. 2004                  Peter O'Mara          

20. 03. 2004                  Etheridge               

06. 03. 2004                  J. Mössinger           

28. 02. 2004                  Andor's Jazzband

06. 02. 2004                  Olaf Kübler            

31. 01. 2004                  Cult XXL                  

17. 01. 2004                  Hot & Cool           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ja ist denn schon Weihnachten?  

von Oliver van Essenberg

Was wäre Weihnachten nur ohne Weihnachtsmusik? Abgeschlossen vom Strom der Überlieferung würden wir wie
Irrlichter dahintreiben. Etwas abseitigere Versionen von allseits bekannten Weihnachtsliedern spielte am Freitag-
abend Christoph Spendels Christmas Jazz Trio im Jazzkeller. Weihnachtsmusik ist Pflicht und hat wie jede Verpflich-
tung immer auch etwas Beruhigendes. Zumal dann, wenn es sich in Übereinstimmung mit der Tradition um einfache,
‚richtig‘ dargebotene Weihnachtslieder handelt. Von einem Jazzmusiker hingegen darf das Publikum andere, eigene
Ansätze, stimmige Formen des Selbstausdrucks erwarten. Wie das zusammengeht, war die eigentliche spannende
Frage, die an diesem Abend beantwortet werden sollte. Vorgeformte Musikstücke mit eigenen Ideen zu durchdringen,
ist nicht unbedingt leichter, als Kompositionen zu erfinden. Die Auseinandersetzung mit der Tradition erfordert im
besten Fall nicht weniger, sondern mehr künstlerische Freiheit. Schon die Besetzung des Spendel Trios war einiger-
maßen ungewöhnlich. Neben Christoph Spendel am Piano teilten sich Claudio Zanglieri am E-Bass und Schlagzeuger
Kurt Billker die Bühne. Keine Blechbläser, keine Streicher, keine Chöre, nur gelegentlich zaghaftes Mitsingen im Publikum.
Recht spärlich waren die Zuhörer an diesem Abend vertreten. Die Popularität des Repertoires reichte zwar weit über
die Kreise der Jazzgemeinde hinaus, irgendwie hockten die Musiker mit dem Programm aber wohl zwischen den Stühlen.
Dabei waren die Interpretationen durchaus ansprechend. Die Mischung aus Traditionals, Gospels und Jingles bot viel
Kurzweil. Angefangen von „O Tannenbaum“ über „Go tell it on the mountains“ bis zu „White Christmas“ und „Jingle Bells“
wurden bis zuletzt wahre Welthits präsentiert. Nach wenigen Akkorden stellte sich jedesmal der für ‚zeitlose‘ Musik
charakteristische Wiedererkennungseffekt ein. Altvertraut und trotzdem wie neu wirkten die in einem anderen Gewand
dargebotenen Stücke.
Ein Nachteil war, dass der Aufbau nach einer Weile schematisch schien. An bekannte Themen schlossen sich Variationen
an. Teils wurden die Akkorde komplexer, teils hatten die Interpretationen so gut wie gar nichts mit ihnen gemeinsam.
Meistens führten die Abwandlungen am Ende immer wieder zum Ausgangsthema zurück. Auf diese Weise wechselten
sich Weihnachtsmusik und Jazz ab. Von einer durchgehenden Synthese konnte selten die Rede sein. So lieferte das
Christoph Spendel Trio ein solides Programm, ohne Fehlschläge, dafür mit einigen Highlights. Anwärter auf das flotteste
Weihnachtslied war die rasante Version von „Jingle Bells“, das mit karnevalesken Pianoläufen und furiosem Trommelfeuer
den kommerziellen Weihnachtsgeist auf den Punkt brachte. Zum Ausgleich folgten mit „Leise rieselt der Schnee“ und
„Stille Nacht“ zwei krasse Kontrastlieder. Ein Abend mit Happy End.

FT v. 13. 12. 2004                                                                                                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

Caravan in voller Fahrt 

von Oliver van Essenberg

 

Alt und Jung trafen am Samstagabend im Jazzkeller auf glückliche Weise zusammen. Kontrabassist Jimmy Woode, der
bereits mit den Urahnen aller Jazzgrößen spielte, gab mit zwei, je vierzig Jahre jüngeren Musikern ein beeindruckendes
Konzert.Ob es sich bei Woode tatsächlich um einen Star handelt, wie der Veranstalter auf dem Eingangsplakat mit der
Aufschrift „Starkonzert“ warb, mag bezweifelt werden. In Starformationen aber hat er zweifellos etliche Jahre seiner
Laufbahn verbracht, darunter als Bassist der Aufnahmen „Ella Fitzgerald sings the Duke Ellington Songbook“. Duke
Ellington hat ihn überhaupt nachhaltig geprägt. Schon mit der Stückauswahl leistete das Trio dem Tribut. Die Cover-
version des Ellington-Hits „Caravan“ nahm dabei eine herausgehobene Position ein. Nicht wenige andere Stücke, ob
nun gecovert oder von einem Mitglied des Trios selbst komponiert, folgten in dominanten Themen und Motiven dem
Caravan. Wie ein Zug in voller Fahrt befand sich das Zusammenspiel in Bewegung. Von Oliver Strauchs treibenden
Schlagzeugrhythmen und Woodes kraftvollen Bass nach vorne gedrängt, verwandelten sich die Töne in tanzende
Strukturen.
Gerade dort, wo Tanzlieder nicht ohnehin schon die Ausgangsform bildeten, nämlich in den zahlreichen Modern-Jazz-
Improvisationen, machte sich der Effekt am deutlichsten bemerkbar. Die Soli des Pariser Jazzpianisten Pierre-Alain
Goualch
waren von innerer Ruhelosigkeit getrieben. In clusterartigen Ausbrüchen, bei denen zuweilen alle Saiten des
Klaviers in Bewegung schienen, und in atemlosen Ostinati ballte sich die ganze Kraft seiner Finger, um gleich danach
wieder leichtfüßig zu tänzeln. Durch die quasi hypnotische Wiederholung dieser Techniken entstand eine packende
Dynamik.
Spielerisch vermittelte der Pianist zwischen Alt und Neu. Während die eine Hand noch die Melodie eines alten Jazz-
Standards variierte, wurden mit der zweiten zunächst andere Anklänge improvisiert, die langsam die Oberhand ge-
wannen und wieder aufs Neue abgewandelt wurden. Trotzdem wirkten die Kompositionen an keiner Stelle hochtrabend
komplex oder übermäßig verspielt, sondern klar durchdacht und spannend umgesetzt. Gleiches galt für Strauchs behut-
sam ineinander greifende Schlagzeugtechnik, die mal an einen Samba-, mal an einen Boogie-Beat ansetzte und von
einem Extrem, lautem Trommelfeuer, abrupt ins Gegenteil, ein Zischen der Becken, umschlagen konnte. Alles in allem
drängte sich Strauch dabei nicht in den Vordergrund. Gemeinsam mit Woodes harmonischer Untermalung sorgte er für
eine angenehme, warmherzige Atmosphäre, die sich mit dem Kopf der Arrangements, Goualch am Piano, wunderbar er-
gänzte.

FT v. 23. 11. 2004                                                                                                                                      

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  Mit dem Strom der Bluesgitarre

von Oliver van Essenberg

Wann immer Adam Rafferty nach Bamberg in den Jazzkeller kommt, lässt es sich sein ehemaliger Schüler, Thorsten
 Goods
aus Erlangen, nicht nehmen mitzuspielen. Im Duett beeindruckten die Gitarristen durch überschäumende Spiel-
freude. Solo bot Rafferty solide und immer wieder auch mehr als nur durchschnittliche Improvisationen. Dass die an
Obertönen reiche Gitarre eine Hauptrolle spielt und alle anderen Instrumente bis hin zum Gesang dominiert, ist durch
den massiven Erfolg von Rock, Funk und Punk schon längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Angesichts des
Auftritts eines Jazzcombos ist es nützlich, sich in Erinnerung zu rufen, dass der Einsatz überdrehter Gitarrensoli auf
eine Errungenschaft von Bluesgitarristen zurückgeht. Der Lärmpegel im Zuhörerraum soll Muddy Waters in den späten
40er Jahren veranlasst haben, die elektrisch verstärkte Gitarre kräftig aufzudrehen. Wegen des Einsatzes billiger Ver-
stärker klang das Ergebnis entsprechend überdreht.
Die Klangästhetik hat sich verselbständigt und mit neuen technischen Geräten dazu geführt, dass Gitarrensoli fast wie
bei einem Saxophon mit volltönendem, warmen Klang gespielt werden. So auch von Adam Rafferty. Als Jazzgitarrist hat
er in Sachen Rhythmus, Groove, Technik und Liedorientierung viel von Blues-Standards gelernt. Ohne auf konventionelle
Harmonik, Melodie und fundierende Basstöne der Schlagermusik zurückzugreifen, variierte das Trio Standardkompositio-
nen mit vielen Soloausflügen der Einzelinstumente. Davon abgesehen, dass die vielfach wiederholten Soloeinlagen irgend-
wann beliebig wirkten, gelang das überraschend gut, besser sogar als bei Raffertys letztem Auftritt im Jazzkeller, wo
sich nach zwei Sets Gitarrenjazz eine gewisse Monotonie einschlich.
Diesmal sorgten dezente technische Verfremdungseffekte und das um viel schöne Griffe erweiterte Repertoire für ein ab-
wechslungsreiches Konzert. Während das erste Set sehr solide wirkte, steigerte sich die Band im zweiten Set merklich.
Höhepunkte waren die Duette mit dem flinken Finger Thorsten Goods, bei denen mal der eine, mal der andere die Rolle
des Ryhthmus- bzw. Leadgitarristen übernahm. Das Lobenswerte: Sie imitierten keine ‚Klassiker‘, sondern entwickelten
die Musik aus freien Variationen von Standardgriffen, die stimmig in die traditionelle Jazzbesetzung mit Schlagzeug
(Jeff Siegel) und Kontrabass (Christian Fabian) eingebettet waren. Auf die Weise floss die Musik angenehm dahin.

FT v. 15. 11. 2004                                                                                                                                    

 

 

 

 

 

 

 

 

Multikulti lebe hoch!

v. Oliver van Essenberg

Schlagzeuger spielen bei vielen Bands eine Hintergrundrolle. Es sei denn, es handelt sich um einen Ausnahmemann wie
eben Billy Cobham, der am Mittwochabend mit vierköpfiger Begleitung beim zweiten Jubiläumskonzert des Jazzclubs Bam-
berg den Live-Club aufmischte.
Cobham hat Arme wie ein Bär. Seiner Statur nach zu urteilen kann man sich gut vorstellen, dass er in der Lage ist, mit
zwei vollen Getränkekästen eine Leiter zu besteigen. Als gäbe es nichts Leichteres, schwingt er seine Drumsticks. Man
stelle sich zudem komplexe und raffinierte Arrangements mit hervorstechender Melodiepercussion vor, einen an ein baline-
sisches Gamelan-Ensemble erinnernden Steeldrummer (Junior Gill), seltsame Rhythmen, die sich mit dominanten Funk-
Grooves und Rock-Referenzen von zwei hochrangigen Gitarristen (Per Gade und Stefan Rademacher) verbinden und sym-
phonische Anleihen eines Keyboard-Spielers (Marcos Ubeda) einbeziehen. Das musikalische Ergebnis gleicht dem, was der
Name der Formation „Culture Mix“ besagt. Hoch lebe die multikulturelle Gleichzeitigkeit.
Alte und neue Kompositionen spielte das Quintett durchweg auf hohem Niveau, wenn auch nicht durchgehend konsistent.
So passte vor allem die Rockgitarre, so ausgefeilt bzw. dreckig sie gespielt wurde, nicht ohne Weiteres in das Gesamtarran-
gement. Statt hier von „Fusion“ zu sprechen, träfe die Bezeichnung „Patchwork“ eher zu.
Während das Gitarrenspiel, von beglückend schönen Jazz-Soli abgesehen, mit Mark Knopfler von den Dire Straits konkurrieren
könnte, waren die Rhythmusgruppen am ehesten mit Zappas orchestralen Spätwerken zu vergleichen. Unterschiedlichste
Klangfarben und Rhythmenwechsel wurden von den Percussionisten zusammengefügt. Ohne konzentriertes Zuhören hätte
man nicht einmal die Hälfte von dem mitbekommen, was gerade passierte. Schwere Rock-Beats, klassische Fugentechnik,
markanter Groove und vertrackte Rhythmusgruppen waren auf das Wunderbarste, lückenlos verzahnt.
Der Steeldrummer öffnete exotische Klänge für afro-amerikanischen Jazz, ohne sich dabei auf eine der beiden Seiten fest-
zulegen. In den glänzenden, überaus lebhaften Einlagen war immer beides zugleich präsent, und zwar mit einer Weltklasse,
die Cobham beinahe alt aussehen ließ. Wohlweislich vermied Billy Cobham Einzelgänge. Das hätte das homogene Zusammen-
spiel nur unnötig unterbrochen. Eine außergewöhnliche Leistung.

FT v. 12. 11. 2004                                                                                                                                        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schöne Kunstgriffe, doch zu mechanisch 

v. Oliver van Essenberg

An die Anfänge des Ernie Watts Quartetts, das am Samstagabend im Bamberger Jazzkeller spielte, erinnern sich wohl
manche Besucher. Nach einem ersten umjubelten Auftritt vor gut fünf Jahren und einem recht durchschnittlichen Zwischen-
spiel bot es nun einen soliden Gesamteindruck.
Das Quartett hat einen hohen Grad an Professionalität im positiven wie im negativen Sinn erreicht. In der Anfangszeit
spielten die Musiker teils exaltiert, teils voller Spannung, so dass trotz langweiliger Passagen knisternde Atmosphäre ent-
stand. Schon damals glänzten der Tenorsaxophonist Ernie Watts und Pianist Christoph Sänger mit gewandten Soli. Beim
zweiten Konzert wechselte die Stückauswahl im Stil eines Flickenteppichs zwischen Free-Jazz, Be-Bop und Mainstream
hin und her und wirkte ziemlich inkonsistent. Anders das Konzert am Samstag: Das Quartett machte einen völlig geschlos-
senen Eindruck, bestens aufeinander eingespielt, manchmal schon zu routiniert.
Jene exaltierten Ausbrüche, bei denen Ernie Watts das Saxophon in Coltranscher Manier bearbeitet, scheinen ihm bzw.
dem Publikum inzwischen zu anstrengend zu sein. Zwar lässt er die Töne immer noch von knarzenden Tiefen zum heiseren
Kreischen wandern. Die Free-Jazz-Ausflüge sind indes vorbei. Stilistisch konzentrierte sich das jüngste Programm auf den
Be-Bop der Blue-Note-Ära und den modalen Jazz. Dabei wurden einige große Interpreten gekonnt nachgespielt, Wayne
Shorter und Art Blakey etwa, wenn auch nicht mit deren Intensität – das lässt sich so wohl kaum wiederholen.
Die Eigenkomposition standen den Coverstücken qualitativ in nichts nach. Ein warmer Grundton bestimmte das Konzert.
Durchkonstruiert und wohl durchdacht stimmte hier jede Note. Allerdings: Der Funke der Begeisterung konnte deswegen
nicht auf das Publikum überspringen. Dafür waren einige schöne Kunstgriffe – wiederkehrendes Ostinato am Klavier und
am Saxophon und kaleidoskopartige Melodiebögen – auf Dauer zu mechanisch.
Der überdurchschnittlichen Leistung der Musiker tat das keinen Abbruch. In großartiger Form: Christoph Sänger, sein
Spiel filigran, glasklar. Mit beeindruckender Behändigkeit ließen er und Watts eingängige Soli über swingende, leicht schräge
Rhythmen hinweg rollen und spielten Rudi Engel am Bass sowie Heinrich Köbberling am Schlagzeug die Motive zu, die diese
wie im Schlaf aufgriffen und variierten. Unterm Strich: ein gutes Konzert, das man sich ruhig ein zweites oder drittes Mal
anhören kann.

FT v. 11. 10. 2004                                                                                                                                             

 

 

 

 

 

 

 

Unter einer riesigen Klangglocke

v. Oliver van Essenberg

Lasst Euch erzählen, liebe Brüder und Schwestern, von der wunderbaren Begebenheit, die sich eines milden
Abends ereignete in Bamberg. Aus dem fernen Indien kamen Ronu Majumdar und Vijay Ghate mit ihren Instrumen-
ten Tabla und Bansuri in die Sandstraße, um zu spielen mit Larry Coryell, dem Meister der Jazzgitarre aus dem
Lande Texas, und dem gepriesenen Saxophonisten George Brooks aus der weltläufigen Stadt New York, auf dass
das 30-jährige Jubiläum des Jazzkellers in den Haas-Sälen gebührend gefeiert werde.
Im Gepäck hatten die Zeitgenossen allerlei exotische Töne, die den Hörer fesseln konnten, wie einst den Sultan
Schachriar die bezaubernde Scheherazade fesselte, deren Geschichten Musik waren. So wie sich Scheherazade
einst Nacht für Nacht um Kopf und Kragen geredet hatte, da sie die Gunst des grausamen Königs durch ihre Wor-
te zu gewinnen hoffte, zogen die Musiker alle Register ihrer Kunst, so dass die in großer Zahl erschienenen Hörer
eins ums andere Mal immer mehr und noch mehr hören wollten.
Nun muss ich dir, lieber Leser, nicht eigens davon erzählen, dass die grausamen Zeiten, in denen Geliebte des
Sultans am Morgen nach ihrem Vortrag enthauptet werden konnten, glückseligerweise vorbei sind. Die Leute rund
um das Bamberger Sandgebiet sind, von wenigen trunkenen Randalierern abgesehen, kultiviert, und sie sind es auch
und gerade durch jene friedlichen Töne, mit denen die Musiker am vergangenen Freitagabend das Jubiläumskonzert
gestalteten. Unweigerlich drängte sich mir der Eindruck auf, dass man sich vor nichts zu fürchten braucht, solange
es diese Musik gibt, die die Seele streichelt wie ein Wind, der sanft über das Wasser zieht und sich immerzu fortbe-
wegt, ohne Anfang und ohne Ende. So flossen in diesem Konzert Töne unterschiedlichster Herkunft, aus Indien,
Amerika, Europa und Afrika, ineinander und vereinigten sich zu einer riesigen Klangglocke, die den Verstand und die
Beine gleichermaßen zum Schwingen brachte.
Auf diese Weise zeigte das Konzert die Verwandtschaft von allem, was singt und klingt. Niemand Geringeres als der
großartige Saxophonist John Coltrane sagte einmal, dass er versuche Saxophon zu spielen wie der verehrte Ravi
Shankar Sitar spielte. Wenn dem so ist, warum sollte ein Musiker dann nicht Gitarre spielen wie ein Sitarspieler oder
ein Saxophonist, während dieser wiederum Saxophon spielt wie ein indischer Flötenspieler auf der Bansuri und immer
so weiter? Das mag für manche Ohren komisch klingen, hell, gellend, schnörkelhaft, und so war es zuweilen auch,
aber eben auch spitzfindig, knifflig, witzig, virtuos und im Einklang mit den Tabla-Rhythmen außerordentlich groovig.
Um es mit dem Meistergitarristen Coryell zu sagen: „Business is all about profit. Politics is all about power. But music
is all about peace. And we need a lot more peace in this world“. Das war es. Das ist es. Peace.

FT v. 04. 10. 2004                                                                                                                                   

 

 

 

 

 

 

 

Lieder als Versuchsanordnungen 

 von Oliver van Essenberg

 Die Jazz-Sängerin Masha Bijlsma und ihre Band sind im Jazzkeller keine ganz Unbekannten mehr. Zum vierten Mal
gastierten sie am Samstag im Clublokal - gegenüber dem letzten Auftritt mit einer unüberhörbaren Steigerung.
Masha Bijlsmas eigenwilliger Gesangstil war zuletzt vor zwei Jahren schon recht angenehm aufgefallen. Damals
wirkte das Gesamtprogramm in sich jedoch nicht ganz stimmig. Die holländische Sängerin interpretierte Jazz-Schla-
ger aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, versah sie mit ungewöhnlichen Vokal-Improvisationen und brach-
te eigene chansonartige Kompositionen mit Einflüssen aus Pop und Jazz ein. Es klang, als befinde sie sich trotz ihres
ausgeprägten gesanglichen Talents noch auf der Suche nach einem eigenen Weg.
Nach dem letzten Abend kann niemand mehr behaupten, dass sie dabei nicht weiter gekommen ist. Bijlsma hat sich
auf ihre Stärke konzentriert, und die liegt in der Interpretation einer, ich muss vorsichtig sein, ‚weißen‘ Stilrichtung
der Jazzmusik. Wenn Bijlsma ein Stück von Nina Simone covert, wie am Samstagabend geschehen, ist ihre Technik
eine andere als die der im Rhythm und Blues groß gewordenen Sängerinnen und Sänger, die dem Mississippi Delta
entsprangen: weich und samten statt rau und schnarrend. Aber, und das ist das Schöne, trotzdem unangepasst,
fern vom süßen Wohlklang, mit dem in aller Regel die Charts gefüttert werden. Die Bijlsma Band startete verwegen,
mit einer unangenehm hektischen Horace Silver-Adaption. Wäre das Konzert so weiter gegangen, hätte sich das
Quartett sehr unbeliebt gemacht. Mit dem zweiten Stück, einer Cover-Version nach einem Pop-Hit von Kate Bush,
besannen sich die Musiker eines Besseren und spielten fortan auf konstant hohem Niveau. Bijlsmas außerordentlich
wandlungsfähige Stimme beeindruckte. Spielerisch geht sie mit Liedern um. Ihr besonderes Kennzeichen ist, dass sie
die Strophen versuchsweise, bis ins Detail, in die einzelne Silbe hinein, austastet. Zwischen laut und leise, hell und
dunkel kann sie ihre Stimme im steten Wechsel schwingen lassen, wobei die sonoren, aber auch die leisen Töne ihr
eindeutig am ehesten liegen.
Bijlsma versteht es glänzend, Form und Inhalt in Übereinstimmung zu bringen. Die Passagen werden nicht wie in
Gesangsübungen lose aneinandergereiht, sondern mit viel Gespür für Ausdruck und Aussage verbunden. Da hört man
über manche schiefe Töne gerne hinweg. Ohnehin neigt ihre Musik mehr dem Konflikt zu als der Versöhnung, mehr
der multiplen Persönlichkeit als der problemlosen Individualität. Die Begleiter unterstrichen diese Tendenz. Pianist
Rob van den Broeck, Drummer Dries Bijlsma und Kontrabassist Henk de Ligt schufen eine homogene Hintergrund-
Atmosphäre für den Auftritt der Sängerin. Sowohl die Eigenkomposition als auch die zahlreichen Cover-Versionen
machten neugierig auf mehr.

FT v. 27. 09. 2004                                                                                                                                      

 

 

 

 

 

 

   

Den Kunstgriffen treu geblieben

von Oliver van Essenberg

Wenn ein auf Klassik abonnierter Musiker sich als Jazzinterpret hervortut, verläuft das manches Mal nicht sehr glücklich.
Ex-Symphoniker Max Kienastl ist zur Saisoneröffnung mit seiner Geige und einigen alten Bekannten in den Jazzkeller zu-
rückgekehrt und hat den Gegenbeweis erbracht.
Als klassisch im weitesten Sinn ließe sich auch dieses Konzert beschreiben. Als Attribut für immer wiederkehrende Motive
trifft die Bezeichnung nicht nur auf die Stückauswahl, sondern ebenfalls auf die stilistische Darbietung, den klassischen
Jazz, zu. Wiedergekehrt sind zudem Thomas Fink und die lokalbekannten Jazzer Rainer Groh und General Hartlieb, aber
auch das gesamte Inventar des Jazzkellers. Gänzlich neu ist indes das vom Vorstand angeschaffte Klavier, das an die-
sem Abend Premiere hatte. Klassik hin, Klassik her – vom Genre gesehen blieb das Quartett den Kunstgriffen des Jazz
treu, und das war gut so. Denn bislang blieb jeder Versuch, die eigenwilligen Stilmittel zu glätten, hinter dessen ureige-
nen Ausdrucksmöglichkeiten zurück. So war es in den Vorjahren bei einem Auftritt mit einer klassisch geschulten Sängerin
vom Opernhaus, so war es bei einer lieblichen Billie Holiday-Hommage.
Das Repertoire bestand bei Kienastls Auftritt in der Tat aus nicht tot zu kriegenden Standards: „All of me“, „Another you“
„Summertime“, "Take Five“, Johnny Brahms „Gute-Nacht-Lied“ und was an ewigen Schlagern mehr seit geraumer Zeit die
Runde macht. Aufhorchen ließ die Umsetzung.
Von Thomas Fink wird gesagt, dass er immer noch den Ehrgeiz hat, kein Stück zwei Mal gleich zu spielen. Wie zum ersten
Mal gespielt klangen Teile der Standards dank des improvisatorischen Geschicks der beiden Hauptakteure Fink und Kienastl.
Ausgetretene Hauptpfade wurden verlassen und in teilweise völlig andersartige Nebenmotive überführt. Während die Rhyth-
musformation um Schlagzeuger Rainer Groh und General Hartlieb prägnant den Takt hielt, konnte Thomas Fink derart flink
variieren, dass Oldies sich flugs in Modern Jazz verwandelten.
Kienastls letzter Auftritt im Jazzkeller liegt bereits ein gutes Jahrzehnt zurück, doch funktionierte das Zusammenspiel im
Quartett reibungslos, auch als Kienastl von der Geige zur Posaune wechselte. Je bekannter das Stück desto mehr schien
sich das Quartett auf Unvorhersehbares einzulassen. Treffendstes Beispiel: der Marsch aus Bizets „Carmen“, der super
swingend und mit exzessiven Soloausflügen interessanter als jede noch so ausgefeilte Interpretation eines klassischen
Orchesters klang.
Kienastl unterstrich besonders mit der Geige seine ausgeprägte Fähigkeit zur Pointierung und Überspitzung. Im Gegenzug
konnte das Instrument in einem Stück verschiedenartig verstreute Klangfarben annehmen, als würde eine Person mit meh-
reren Stimmen singen, unschlüssig zwischen der einen und der anderen Stimme hin- und herschwankend.
Was von einem konventionellen Standpunkt aus als Bruch, vielleicht sogar als Selbstwiderspruch erscheint, wurde konse-
quent als kreative Eigenart genutzt. Für den rappelvollen Jazzkeller ein erfreulicher Einstieg.

FT v. 20. 09. 2004                                                                                                   

 

 

 

 

 

Herzerwärmender Soul-Appeal

von Oliver van Essenberg

Einen Hauch Exotik versprach das Quartett mit der israelischen Sängerin und Komponistin Efrat Alony am Freitagabend im Bamberger Jazzkeller. Landestypische Klänge blieben bis auf wenige Ausnahmen jedoch außen vor. Das Efrat Alony Quartett bot Vokaljazz mit hohem Anspruch. 

Bei Efrat Alonys Stimme, das war nach den ersten Sekunden klar, wird es warm ums Herz. Kein Frage: Diese Stimme hat großen Soul-Appeal. Sofort kommen dem Zuhörer die Heldinnen Nina Simone, Sarah Vaughan, Billie Holiday in den Sinn. Damit standen die Lieder unter keinem schlechten Stern, zumal Alony über eine äußerst geschmeidige Stimme verfügt, die es ihr ermöglicht, vom gedämpften Wohllaut in raue Zärtlichkeit zu wechseln, wehmütige Obertöne anzustimmen, die bruchlos in sprechgesangsartige Poesie übergeht. 


Schon im äußeren Erscheinungsbild erinnerte Alony ein wenige an die große Lady in Satin, Billie Holiday. Ihrer Stimme fehlt jedoch die bittersüße Schwermut, um selbst dort, wo die Musik beinahe gefriert, Spannung zu erzeugen. Die ruhigen, sehr poetischen Momente des Efrat Alony Quartetts konnten von betörender Schönheit sein. 

Eingebettet in einen warmen, weichen Fluss traf die Musik direkt ins Sympathiezentrum und streichelte die Sinne. Die jazzig modulierten, leicht schrägen Vokalimprovisationen trafen mit empfindsamen New-Age-Harmonien zusammen, wie sie einst Kate Bush zelebrierte. Spannung, die aus dem Kontrast von Klangfarben entsteht, blieb dabei jedoch zusehends auf der Strecke. 

Dazu trug im wesentlichen das getragene Tempo bei, das über alle Stücke, in der Regel Balladen, mit einigen Standards der erwähnten Soul-Sängerinnen durchgehalten wurde. Den gedämpften Klang verstärkte der Bassist durch einen ausgesprochen ästhetisch anmutenden Einsatz des Streicherbogens. 

Perlende Klaviertupfer und samtene Klangteppiche von den Keyboards, die Mark Reinke stets stimmig bediente, hinterließen einen lieblichen Eindruck. Die vielleicht schönsten Momente entstanden im Kontrast mit den hart swingenden Schlagzeug-Einlagen von Kay Lübke. 

Verträumter Jazz mit modernistischen Einsprengseln ist die Kurzformel, auf die sich der Auftritt bringen lässt. Rezipiert wurden aus dem israelischen Musikleben insgesamt eher vage Einflüsse französischer Chansons und Troubadour-Gesänge – beides erfreute sich in Israel großer Beliebtheit. 

So angenehm das auch war, Begeisterung konnte es nicht wecken. Dafür waren die Themen zu bekannt und vorhersehbar. Respekt haben die Musiker jedoch allemal verdient.
 FT v. 10. 05. 2004                                                                                             

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
Verführend, in der Schwebe
von Oliver van Essenberg

Sollte es nicht möglich sein, es allen recht zu machen? Das Publikum mit einprägsamen Klangbildern zu verführen, ohne sich wohlfeiler, klebriger Lockmittel zu bedienen? Dem Peter O’Mara Trio, das am Freitagabend im Jazzkeller gastierte, ist es gelungen.
Ein eingängiger Auftakt ist keine schlechte Strategie, um das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Die hypnotisch wiederholten Bassakkorde, die Miles Davis‘ Super-Klassiker „So what“ variierten, zogen schon wenige Augenblicke nach den ersten Tönen in den Bann und schufen eine aufmerksam gespannte Atmosphäre, die im ganzen ersten Set nicht abreißen sollte. Einzig zu Beginn des zweiten Sets flaute die Spannung leicht ab, um dann aber gleich wieder aufs Neue zu beginnen. 

Wiederholung und Variation, Ruhe und ständiger Wechsel, technisches Geschick und Improvisationsvermögen im reizvollen Kontrast. In fast allen Stücken spielte das Trio durchweg mit Gegensätzen und brachte sie in ein fragiles, dynamisches Gleichgewicht. Drei starke Charaktere und Vollblutmusiker fanden so zueinander. An vorderster Stelle die beiden Passport-Mitspieler Peter O’Mara an der Gitarre und Patrick Scales am E-Bass. Von subtil bis zupackend reichte das Spektrum, wobei Scales mit dem Bass die Grundtonarten vorgab. Michael Küttner ergänzte die zarten Töne durch differenziertes Schlagwerkzeug.
Vom Eröffnungs- und dem Schlussstück abgesehen bildeten Eigenkompositionen von O’Mara und Scales den Hauptbestandteil. Wie aus einem Guss, subtil, intensiv, bis ins Detail ausgeformt. Im positiven Sinn eklektisch mischten die Musiker Elemente aus Jazz, Blues, Folk und Rock zu einem Ganzen. Allein durch die Technik der Andeutung, dem gezielten Understatement, bei dem vielerlei experimentell angestoßen, aber nicht zu Ende gespielt wird, entstanden wunderbar anregende Kompositionen. Musik im Schwebezustand.
Ausgefeilte Gitarrensoli mischten sich mit flächigen Klanggeweben, Arpeggioeffekte mit ambientartigen Klangmalereien, pulsierende Bassläufe mit stimmungsvollen Obertönen. Ein unverbindliches ästhetisches Spiel, gewiss, aber doch mit ganzen Stücken, wieder erkennbaren Themen und – auch das noch – einem Drang zur schönen Kunst. Als Einordnung drängen sich die Bezeichnungen „Postrock“ oder „Postmoderne“ auf, auch wenn das prinzipiell Verlegenheitsbegriffe sind. Kreativ konnte Musik schon immer sein. – Ein Highlight im neuen Jahr. Der Beifall im gut besuchten Keller gab dem Recht.
FT v. 19. 04. 2004                                                                                           

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Vertrackt komplex, jazzig fließend 

von Oliver van Essenberg

Der berufsbedingte Partnerwechsel unter Jazzmusikern bescherte dem Bamberger Jazzkeller am Freitagabend erneut Überraschungsgäste. John Etheridge und Theo Travis konnten über den engeren Kreis der Jazzinfizierten hinaus auch bei den Freunden britischer Rockmusik landen. Mit interessanten Ergebnissen.
Den in angelsächsischen Ländern so beliebten ‚historischen‘ Besetzungen ist es zu verdanken, dass alt verdiente Formationen nach wie vor die Runde machen, nicht nur in der aufwändig betriebenen Konservierung auf CD und DVD, sondern live, vital, publikumsnah. Progressiver Jazzrock hat John Etheridge und Theo Travis geprägt, den einen als Gitarristen schon bei Soft Machine, den anderen als Saxophonisten, seit 1999 Mitmusiker bei Gong – genau, die gibt es immer noch. 

Damit waren die Koordinaten und das Genre abgesteckt. Im Stil der Canterbury-Bands (nach der Gegend um das englische Canterbury benannt) warteten die Musiker mit zum Teil vertrackt komplexen, aber auch jazzig-fließenden Spielweisen auf. Unterstützt durch mächtig groovende Rhythmen und lauter als die meisten anderen Bands im Jazzkeller heizten Travis und Etheridge den Gästen ein. Das Erfolgsrezept lautete: Melodien, Melodien, Melodien, von Jazz-Gitarre und Saxophon im delikaten Duett. 

Das hochkonzentrierte Zusammenspiel wirkte aufregend, ob in lauten oder leisen Passagen, vor lauter Energie überschäumenden Duetten oder zerbrechlichen Harmonien. So gut kann progressiver Jazzrock sein, solange er vorwärts treibend und nach vorne offen daher kommt. Drummer Evert Fratermann spielte sich nicht in den Vordergrund, war aber immer präzise und gut vernehmbar präsent. Mit druckvollen E-Bass-Läufen durchwärmte Norbert Meyer-Venus die Kompositionen.
Eine für manche recht unangenehme Ausformung progressiver Musik blieb indes nicht aus: die leidlich in die Länge gezogenen, aufdringlichen Soli. Sie geben dem Kritiker das Gefühl, einer Instrumentalorgie beizuwohnen, einzig zu dem Zweck, Gitarren zum Orgasmus zu quälen. Hartgesottene konnte das jedoch nicht abschrecken. Je nervöser das Gitarrengefrickel, desto begeisterter ihre Reaktionen. Sicher nicht alle, wohl aber die größten Anhänger ausgedehnter Soli dürften von dem Konzert also rundum angetan gewesen sein.
Man mag das technische Geschick bewundern, mit dem Etherdige in eklektizistischer Manier Versatzstücke populärer Stile zum Besten gab, ästhetisch konnte es weitaus weniger überzeugen als der Rest, zumal die direkte, elektronisch verstärkte Wiedergabe an diesem Abend keine sehr guten Dienste leistete und die Gitarre im Klang ein wenig kalt erscheinen ließ. Schön kühn und tapfer zu spielen, reicht nicht aus, um den musikalischen Exzess auszuhalten, wenn nicht alles bis ins Detail stimmt.

FT v. 22. 03. 2004                                                                             

 

 

 

 

 

Bewegt bis schleppend
von Oliver van Essenberg

Das Konzept schien viel versprechend. Der Pianist Johannes Mössinger besuchte in Begleitung zweier Gäste aus New York mit Musik von Thelonios Monk und Eigenkompositionen am Samstagabend den Jazzkeller. Das als Sonderkonzert angekündigte Programm konnte die hohen Erwartungen jedoch nicht erfüllen.
Als Pianist und Keyboard-Spieler war Mössinger im Jazzkeller bereits zum dritten Mal zu Gast. Während er beim ersten Auftritt als Pianist im Modern-Jazz-Gewand glänzte, erwies er ein anderes Mal am Fender-Rhodes-Keyboard bekannten James-Bond- Filmthemen eine Reverenz. Bei seinem jetzigen dritten Auftritt vollzog er, zwischen Klavier und Fender Rhodes hin- und herwechselnd, eine stilistische Synthese aus den beiden Programmen. 

Die künstlerische Qualität unterlag starken Schwankungen. Nun muss zur Ehrenrettung gleich hinzugefügt werden, dass kein einziges Stück amateurhaft daherkam. Im besten Fall wirkten die Arrangements elegant, in der Regel jedoch schulmäßig, im schlechtesten Fall aber flach und farblos. 

Schade, denn mit der Begleitung, die gerade erst vor wenigen Tagen aus New York in Deutschland ankam, standen zwei außerordentlich fähige Jazzer auf der Bühne. Kontrabassist Kermit Driscoll und Schlagzeuger Karl Latham konnten sich noch so sehr bemühen, mit Mössinger zu musikalischen Höhenflügen anzusetzen – das unmotiviert wirkende Klavierspiel zog alles auf Mittelmaß hinab.
Dabei zeigten einige Ausnahmestücke, zu welchen Spitzenleistungen das Trio in der Lage ist. In einem klassisch-jazzigen Klaviersolo spielte sich Mössinger elegant durch komplex ineinander greifende Tonarten. In einer Suite glänzte das Trio durch sehr schönes, man muss schon sagen, zärtliches Zusammenspiel. Und im letzten Set, der ganz und gar Thelonios Monk gewidmet war, auch durch den einen oder anderen Klassiker. 
Der Rest zog sich recht schleppend dahin. Obwohl die Musiker aus New York laut Mössinger noch mit einem Jet-lag zu kämpfen hatten, schien es vielmehr Mössinger selbst zu sein, der aufgrund der Zeitverschiebung nicht in Schwung kam. Vor allem im zweiten, aber auch im ersten Set, der aus Eigenkompositionen bestand, die zum Teil erst am Abend vorher ihre Premiere erlebt hatten, fiel die Spannung auf ein bedenklich niedriges Niveau ab. Manche Klaviersoli waren in ihrem dauerhaften Geplänkel auf ärgerliche Weise anspruchslos, als würde der Pianist Improvisationen zu Kinderliedchen zum Besten geben. Mit einem ausschließlich Thelonios Monk ge- widmeten Abend wäre das Trio gut beraten gewesen.
 
FT v. 08. 03. 2004                                                                                 

 

 

 

 

 


Das Revival des Revivals
von Oliver van Essenberg

Oldtimer waren am Samstagabend im Bamberger Jazzkeller zu Gast. Mit einer Hommage an die swingenden 20er und 30er Jahre ließ Andor’s Jazzband unbeschwerte Spielfreude walten. Neun Musiker, darunter mehrere Multi- Instrumentalisten, fächerten Jazzgeschichte in ihrer klassischsten Form auf. Erstaunlich, zu welcher Popularität es die vergleichsweise traditionelle Spielweise gebracht hat. Aus gleichmäßig pulsierenden Takten, die Schlagzeug (L. Debij), Susaphon (H. Koppes), Banjo (J. Lammers) und Klavier (A. Lukacs) vorgeben, geraten durch leicht verschobene Melodiegruppen der Soloinstrumente die Rhythmen ins Schwingen, vorantreibend und schwebend zugleich, elegant und schräg, mit erfrischenden, mitreißenden Soli, wie sie landauf, landab von Jung und Alt geliebt werden.
Keine Frage: Andor’s Jazzband beherrschte dieses Handwerk, und noch mehr. Über die grundsolide Spielweise hinaus hoben sich die Musiker durch ideenreiche Arrangements von eher durchschnittlichen Bigbands ab. Wie an einer Stange aufgereiht spielten sich die Solisten in mehrstimmigen Variationen die Bälle zu und deklinierten dabei derartig viele Klangfarben durch, dass es trotz altmodischer Stücke nicht langweilig wurde.
Allenfalls im dritten Satz machten sich allmählich Ermüdungserscheinungen breit. Selbst bei vielseitigen Combos erschöpft sich das standardisierte Repertoire irgendwann in den vorgegebenen Grundrastern, über die klassischer Swing im Positiven wie im Negativen eben nicht hinaus kommt. 

Neben Vätern des Bigband-Sounds wie Duke Ellington, Jelly Roll Morton und King Oliver stellten die Musiker auch weniger berühmten Namen vor. Der redselige Pianist Andor Lukacs übernahm die Rolle eines Conferenciers, der informativ-unterhaltend Hintergründe und Anekdoten aufbereitet. Trompeter Victor Bronsgeest machte als Leadinstrumentalist durch schlanke, schmissige Intonation eine ebenso gute Figur wie die übrigen Solisten mit ihren jeweiligen Hauptinstrumenten: Ad Houtepen (Klarinette), Peter Iwan (Cornet), Hans Bosch (Saxophon) und R. Veen (Saxophon). Peter Iwan erfreute zusätzlich als Sänger mit quäkiger, nasaler Kopfstimme. 

Im Zusammenspiel mit den Begleitern in der zweiten Reihe der Bühne gelang es der Band schließlich, ein angenehm ausbalanciertes Klangbild zu kreieren. Ob weithin Unbekanntes oder Gassenhauer wie Benny Goodmans „Sing Sing Sing“ – in jedem Stück vermittelte die Musik Tanzsaal-Atmosphäre. Ein paar Stunden gute Unterhaltung.

FT v. 1. 3. 2004                                                                                  

                                                                                                            

 

 

 

 

 

 

 

Soundtrack der Großstadt
v. Oliver van Essenberg
Mit dem Alter werden auch die wildesten Musiker gesetzter. Olaf Kübler hat eine derart bewegte Historie hinter sich, dass er mit über 60 Jahren sich den Wurzeln des Jazz zuwendet, dabei aber frischer und lebendiger wirkt als mancher Debütant. Mit dem Christoph Spendel Trio war der Saxophonist, Produzent und Tausendsassa am Freitag im Jazzkeller zu Gast.
50 Jahre lang erfolgreich im Geschäft zu sein, erfordert Disziplin. Trotz allen Verlockungen, die das Leben auf und hinter Bühne mit sich bringt. Verrücktes hat Kübler weiß Gott genug erlebt: Musiker, die Tage lang durchrauchten, drogengeschwängerte Kollegen, die nicht einmal mehr wussten, ob sie das Konzert bereits gespielt hatten ... Nachzulesen sind seine Erinnerungen an Berühmtheiten und deja-vus in einem Buch („Klartext/Voll daneben“). 

Auch bei den Anekdoten, mit denen Kübler das Publikum im Jazzkeller erheiterte, schweifte er gerne ab in alte Zeiten. Als Produzent und Initiator von Amon Düll II sowie als Mitmusiker in Free-Jazz-Formationen durfte er sich eine Zeit lang zu Künstlern im emphatischen Sinn zählen: wahnsinnig, aber begnadet kreativ. Anstrengend, aber nicht unbedingt chaotisch. Dann entdeckte er den Mainstream und das Geld, das damit zu verdienen ist, und wurde Mitmusiker von Sting, Maffay und Westernhagen. 

Mit dem Christoph Spendel Trio spielt er, was ihm nun am meisten Spaß macht: klassischer Soul-Jazz im Stil von Sonny Rollins und Thelonios Monk. Oft genannte, aber kaum erreichte Größen, an die auch das Quartett sicher nicht herankommt. Gleichwohl gehören alle vier Musiker zweifellos zur oberen Liga, was durch das Konzert mit vielen Eigenkompositionen eindrucksvoll unterstrichen wurde. 

Das Cover ihrer neuen CD „Midnight Soul“ zeigt eine mannhattenartige Skyline bei Nacht. Atmosphärisch wie dafür geschaffen spielt das Quartett klugen Mainstream- Jazz, der ähnlich wie vergleichbare Filmmusiken unweigerlich mit amerikanischem Großstadt-Flair, breiten Straßen und vielen Autos, assoziiert wird: geradlinig, schnörkellos, weltläufig, dick aufgetragene Saxophon-Farben, eingestreute Piano-Tupfer und wie an einer Perlenschnur aufgereihte Soloeinlagen.
Das frei improvisierte Eröffnungsstück zur Melodie von „When I get old... when I’m 64“ gab den heiter beschwingten Ton an, der sich in abgewandelter, erweiterter Form durch das Konzert zog. Pianist Christoph Spendel erwies sich als kongenialer Partner Küblers. Virtuos wechselte er zwischen weit gefächerten Melodiebögen und rhythmischem Tremolo hin und her. Auch die prägnanten Soli der Begleiter, Andre Nendza (Kontrabass) und Joe Bonica (Schlagzeug), wurden nie als Selbstzweck eingesetzt, sondern entwickelten sich stimmig, bis ins Detail, aus dem dynamischen Zusammen- spiel der Beteiligten.
Ziemlich schön und irgendwie zeitlos.

FT v. 09. 02. 2004                                                                                     

 

 

 

 



Groove mit Tiefgang 

von Oliver van Essenberg

Nicht immer müssen es bodenständige, erdige Elemente der Jazzmusik sein, wenn 
fränkische  Formationen für gute Unterhaltung sorgen. Das Quintett Cult XXL um den 
Bassisten Rainer Glas, das am Samstag im Bamberger Jazzkeller zu Gast war, hat 
durchaus das Zeug zu Tiefgang und Höhenflügen.
Wer das Konzert von Anfang bis Ende mitverfolgte, dürfte um einen zweigeteilten Ein-
druck nicht herumkommen. Das erste von zwei Sets war weitaus weniger aufregend 
als der zweite Teil. Ein wenig steif, als müssten sich die Musiker noch warm spielen, 
kam das Eröffnungsstück daher.

Statisch wirkende Soloeinlagen wechselten einander ab und standen teilweise unver-
mittelt nebeneinander, besonders deutlich bei Thorsten Goods progressivem Gitarren-
spiel, das nicht zum Hardbop-Format der Mitmusiker passte.
Was sich am Rand bemä-
keln ließe, ist die Verwendung abgegriffener Versatzstücke aus Rock, Blues, Jazz. 
Dazu gehörte neben aufdringlich progressiven Parts ein Gitarrenduell zwischen Goods 
und Glas am E-Bass mit teils altbackenen gitterartigen Klangmustern.
Um so erstaunlicher war die Darbietung vieler weiterer Stücke, vor allem bei der frischen 
Neuinterpretation altbewährten Repertoires von Herbie Hancock, George Benson und 
anderen. Zwei Glanzlichter: Coverversionen von „Cry me a river“  und „You don’t know 
what love is“.
Dass der langfingrige Thorsten Goods ein viel versprechender Nachwuchs-
gitarrist ist, wissen die Besucher schon von früheren Auftritten. Am Samstag legte er 
zudem bemerkenswerte sängerische Qualitäten an den Tag, trotz seines Alters von ge-
rade 22 außerordentlich ansprechend: fein, klar, sicher und einfühlsam, differenziert 
und punktgenau, technisch auf der Höhe wie das Gitarrenspiel.
Ähnliches ließe sich über Lutz Häfner sagen, der als Solist am Tenorsaxofon zwischen 
expressiven und innig gefühlvollen Momenten, experimentellen Ecken und Kanten und 
eingängigen Melodien fließend hin- und herwechselte. Als Solisten und Hintergrundmu-
siker gleichermaßen überzeugten Jan Miserre (Keyboards), Christoph Huber (Schlagzeug) 
und Rainer Glas (Kontrabass).
Begleitet von Soundschleifen und dezenten Verfremdungseffekten des Computers, 
entstand so ein vielschichtig, groovendes Stilgemisch. Auf einer Wellenlänge mit den 
zahlreichen erschienen Gästen.

FT v.02. 02. 2004                                                                                     

 

 

 

 

 

 

Stimmungsvolle Resonanz
von Oliver van Essenberg

Im Bamberger Jazzkeller gehen im ersten Monat des neuen Jahres fränkische Formationen ein und aus. Erst das Tex Döring Trio, demnächst Rainer Glas‘ Cult XXL. Am vergangenen Samstag die als Altjazzer der fränkischen Szene angekündigten Musiker „Hot & Cool“.

Begleitet wurde das Männerquartett (Bass: Hubert Forster; Drums: Michael Zylka; Saxofon: Dieter Link; Piano: Mario Moll) von der aus Chicago stammenden schwarzen Sängerin Willetta Hohenstein, deren Name in dieser Verbindung für ein kleines Wortspiel gut wäre, ist doch der „Hohenstein“ auch ein beliebtes Wanderziel im Nürnberger Land. Ein geistig etwas armer Vergleich, zugegeben, der jedoch ein interessantes Thema berührt, den Umstand nämlich, dass viele Jazzmusiker der Region, ob sie nun gebürtige Franken sind oder nicht, sich relativ schnell traditioneller Genres bedienen: Swing, Dixie, Bop. Erdiger, bodenständiger Jazz begegnet auffällig häufig, beim Frühschoppen mit frischem Seidla, um Festivitäten den richtigen Schwung zu geben und und und.

Der Jazzkeller war nach einmonatiger Spielpause erfreulich gut besucht. Die Band um den Nürnberger Pianisten Mario Moll wartete mit einer ausdrucksstarken Sängerin und einem soliden, eingängigen Repertoire von Brubeck bis Coltrane auf, bei dem das Publikum mit den Füßen wippen konnte oder auch je nach Lust und Laune Konversation betrieb, ohne unbedingt zuhören zu müssen. Der Geräuschpegel im Publikum dürfte Höchststände erreicht haben.

Solange die Musiker da noch mithalten können, durchdringen sich instrumentale und leibhaftige Solostimmen zu einem atmosphärisch dichten Gemisch, just so, wie man sich eine verrauchte, kleine Bühne in einem Jazzlokal vorstellt. Wunderbar! Bei den leisen, zarten Tönen ergießt sich manchmal dagegen ein derartiger Wortschwall in den Raum, dass jede musikalische Regung im Nu weggespült wird. Schade eigentlich.

Unweigerlich drängt sich der Eindruck auf, was das Publikum will, ist Stimmfühlung, sich treiben lassen vom Spiel, um sich selbst zu vergessen und die Anwesenheit der anderen nicht als Problem zu erleben. Ein verständliches Bedürfnis, das bei dem Konzert von Hot & Cool einen geeigneten Resonanzboden gefunden hat.

 FT v. 19. 01. 2004