10. 12. 2004 Christoph Spendel
Ja ist denn schon Weihnachten?
von Oliver van Essenberg
Was wäre Weihnachten nur
ohne Weihnachtsmusik? Abgeschlossen vom Strom der Überlieferung würden wir wie
Irrlichter dahintreiben. Etwas abseitigere Versionen von allseits bekannten
Weihnachtsliedern spielte am Freitag-
abend Christoph Spendels Christmas Jazz Trio im
Jazzkeller. Weihnachtsmusik ist Pflicht und hat wie jede Verpflich-
tung immer auch etwas Beruhigendes. Zumal dann, wenn es sich in Übereinstimmung
mit der Tradition um einfache,
‚richtig‘ dargebotene Weihnachtslieder handelt. Von einem Jazzmusiker hingegen
darf das Publikum andere, eigene
Ansätze, stimmige Formen des Selbstausdrucks erwarten. Wie das zusammengeht, war
die eigentliche spannende
Frage, die an diesem Abend beantwortet werden sollte. Vorgeformte Musikstücke
mit eigenen Ideen zu durchdringen,
ist nicht unbedingt leichter, als Kompositionen zu erfinden. Die
Auseinandersetzung mit der Tradition erfordert im
besten Fall nicht weniger, sondern mehr künstlerische Freiheit. Schon die
Besetzung des Spendel Trios war einiger-
maßen ungewöhnlich. Neben Christoph Spendel am Piano teilten sich Claudio
Zanglieri am E-Bass und Schlagzeuger
Kurt Billker die Bühne. Keine Blechbläser, keine Streicher, keine Chöre, nur
gelegentlich zaghaftes Mitsingen im Publikum.
Recht spärlich waren die Zuhörer an diesem Abend vertreten. Die Popularität des
Repertoires reichte zwar weit über
die Kreise der Jazzgemeinde hinaus, irgendwie hockten die Musiker mit dem
Programm aber wohl zwischen den Stühlen.
Dabei waren die Interpretationen durchaus ansprechend. Die Mischung aus
Traditionals, Gospels und Jingles bot viel
Kurzweil. Angefangen von „O Tannenbaum“ über „Go tell it on the mountains“ bis
zu „White Christmas“ und „Jingle Bells“
wurden bis zuletzt wahre Welthits präsentiert. Nach wenigen Akkorden stellte
sich jedesmal der für ‚zeitlose‘ Musik
charakteristische Wiedererkennungseffekt ein. Altvertraut und trotzdem wie neu
wirkten die in einem anderen Gewand
dargebotenen Stücke.
Ein Nachteil war, dass der Aufbau nach einer Weile schematisch schien. An
bekannte Themen schlossen sich Variationen
an. Teils wurden die Akkorde komplexer, teils hatten die Interpretationen so gut
wie gar nichts mit ihnen gemeinsam.
Meistens führten die Abwandlungen am Ende immer wieder zum Ausgangsthema zurück.
Auf diese Weise wechselten
sich Weihnachtsmusik und Jazz ab. Von einer durchgehenden Synthese konnte selten
die Rede sein. So lieferte das
Christoph Spendel Trio ein solides Programm, ohne Fehlschläge, dafür mit einigen
Highlights. Anwärter auf das flotteste
Weihnachtslied war die rasante Version von „Jingle Bells“, das mit karnevalesken
Pianoläufen und furiosem Trommelfeuer
den kommerziellen Weihnachtsgeist auf den Punkt brachte. Zum Ausgleich folgten
mit „Leise rieselt der Schnee“ und
„Stille Nacht“ zwei krasse Kontrastlieder. Ein Abend mit Happy End.
Caravan in voller Fahrt
von Oliver van Essenberg
Alt und Jung trafen am Samstagabend im
Jazzkeller auf glückliche Weise zusammen. Kontrabassist Jimmy Woode, der
bereits mit den Urahnen aller Jazzgrößen spielte, gab mit zwei, je vierzig Jahre
jüngeren Musikern ein beeindruckendes
Konzert.Ob es sich bei Woode tatsächlich um einen Star handelt, wie der
Veranstalter auf dem Eingangsplakat mit der
Aufschrift „Starkonzert“ warb, mag bezweifelt werden. In Starformationen aber
hat er zweifellos etliche Jahre seiner
Laufbahn verbracht, darunter als Bassist der Aufnahmen „Ella Fitzgerald sings
the Duke Ellington Songbook“. Duke
Ellington hat ihn überhaupt nachhaltig geprägt. Schon mit der Stückauswahl
leistete das Trio dem Tribut. Die Cover-
version des Ellington-Hits „Caravan“ nahm dabei eine herausgehobene Position
ein. Nicht wenige andere Stücke, ob
nun gecovert oder von einem Mitglied des Trios selbst komponiert, folgten in
dominanten Themen und Motiven dem
Caravan. Wie ein Zug in voller Fahrt befand sich das Zusammenspiel in Bewegung.
Von Oliver Strauchs treibenden
Schlagzeugrhythmen und Woodes kraftvollen Bass nach vorne gedrängt, verwandelten
sich die Töne in tanzende
Strukturen.
Gerade dort, wo Tanzlieder nicht ohnehin schon die Ausgangsform bildeten,
nämlich in den zahlreichen Modern-Jazz-
Improvisationen, machte sich der Effekt am deutlichsten bemerkbar. Die Soli des
Pariser Jazzpianisten Pierre-Alain
Goualch waren von innerer Ruhelosigkeit getrieben. In clusterartigen Ausbrüchen,
bei denen zuweilen alle Saiten des
Klaviers in Bewegung schienen, und in atemlosen Ostinati ballte sich die ganze
Kraft seiner Finger, um gleich danach
wieder leichtfüßig zu tänzeln. Durch die quasi hypnotische Wiederholung dieser
Techniken entstand eine packende
Dynamik.
Spielerisch vermittelte der Pianist zwischen Alt und Neu. Während die eine Hand
noch die Melodie eines alten Jazz-
Standards variierte, wurden mit der zweiten zunächst andere Anklänge
improvisiert, die langsam die Oberhand ge-
wannen und wieder aufs Neue abgewandelt wurden. Trotzdem wirkten die
Kompositionen an keiner Stelle hochtrabend
komplex oder übermäßig verspielt, sondern klar durchdacht und spannend
umgesetzt. Gleiches galt für Strauchs behut-
sam ineinander greifende Schlagzeugtechnik, die mal an einen Samba-, mal an
einen Boogie-Beat ansetzte und von
einem Extrem, lautem Trommelfeuer, abrupt ins Gegenteil, ein Zischen der Becken,
umschlagen konnte. Alles in allem
drängte sich Strauch dabei nicht in den Vordergrund. Gemeinsam mit Woodes
harmonischer Untermalung sorgte er für
eine angenehme, warmherzige Atmosphäre, die sich mit dem Kopf der Arrangements,
Goualch am Piano, wunderbar er-
gänzte.
Mit dem Strom der Bluesgitarre
von Oliver van Essenberg
Wann immer
Adam Rafferty nach Bamberg in den Jazzkeller kommt,
lässt es sich sein ehemaliger Schüler, Thorsten
Goods aus Erlangen, nicht nehmen mitzuspielen. Im Duett
beeindruckten die Gitarristen durch überschäumende Spiel-
freude. Solo bot Rafferty solide und immer wieder auch mehr als nur
durchschnittliche Improvisationen. Dass die an
Obertönen reiche Gitarre eine Hauptrolle spielt und alle anderen Instrumente bis
hin zum Gesang dominiert, ist durch
den massiven Erfolg von Rock, Funk und Punk schon längst eine
Selbstverständlichkeit geworden. Angesichts des
Auftritts eines Jazzcombos ist es nützlich, sich in Erinnerung zu rufen, dass
der Einsatz überdrehter Gitarrensoli auf
eine Errungenschaft von Bluesgitarristen zurückgeht. Der Lärmpegel im
Zuhörerraum soll Muddy Waters in den späten
40er Jahren veranlasst haben, die elektrisch verstärkte Gitarre kräftig
aufzudrehen. Wegen des Einsatzes billiger Ver-
stärker klang das Ergebnis entsprechend überdreht.
Die Klangästhetik hat sich verselbständigt und mit neuen technischen Geräten
dazu geführt, dass Gitarrensoli fast wie
bei einem Saxophon mit volltönendem, warmen Klang gespielt werden. So auch von
Adam Rafferty. Als Jazzgitarrist hat
er in Sachen Rhythmus, Groove, Technik und Liedorientierung viel von
Blues-Standards gelernt. Ohne auf konventionelle
Harmonik, Melodie und fundierende Basstöne der Schlagermusik zurückzugreifen,
variierte das Trio Standardkompositio-
nen mit vielen Soloausflügen der Einzelinstumente. Davon abgesehen, dass die
vielfach wiederholten Soloeinlagen irgend-
wann beliebig wirkten, gelang das überraschend gut, besser sogar als bei
Raffertys letztem Auftritt im Jazzkeller, wo
sich nach zwei Sets Gitarrenjazz eine gewisse Monotonie einschlich.
Diesmal sorgten dezente technische Verfremdungseffekte und das um viel schöne
Griffe erweiterte Repertoire für ein ab-
wechslungsreiches Konzert. Während das erste Set sehr solide wirkte, steigerte
sich die Band im zweiten Set merklich.
Höhepunkte waren die Duette mit dem flinken Finger Thorsten Goods, bei denen mal
der eine, mal der andere die Rolle
des Ryhthmus- bzw. Leadgitarristen übernahm. Das Lobenswerte: Sie imitierten
keine ‚Klassiker‘, sondern entwickelten
die Musik aus freien Variationen von Standardgriffen, die stimmig in die
traditionelle Jazzbesetzung mit Schlagzeug
(Jeff Siegel) und Kontrabass (Christian
Fabian) eingebettet waren. Auf die Weise floss die Musik angenehm dahin.
Multikulti lebe hoch!
v. Oliver van Essenberg
Schlagzeuger spielen bei vielen Bands eine Hintergrundrolle. Es sei denn, es
handelt sich um einen Ausnahmemann wie
eben Billy Cobham, der am Mittwochabend mit vierköpfiger Begleitung beim zweiten
Jubiläumskonzert des Jazzclubs Bam-
berg den Live-Club aufmischte.
Cobham hat Arme wie ein Bär. Seiner Statur nach zu urteilen kann man sich gut
vorstellen, dass er in der Lage ist, mit
zwei vollen Getränkekästen eine Leiter zu besteigen. Als gäbe es nichts
Leichteres, schwingt er seine Drumsticks. Man
stelle sich zudem komplexe und raffinierte Arrangements mit hervorstechender
Melodiepercussion vor, einen an ein baline-
sisches Gamelan-Ensemble erinnernden Steeldrummer (Junior Gill), seltsame
Rhythmen, die sich mit dominanten Funk-
Grooves und Rock-Referenzen von zwei hochrangigen Gitarristen (Per Gade und
Stefan Rademacher) verbinden und sym-
phonische Anleihen eines Keyboard-Spielers (Marcos Ubeda) einbeziehen. Das
musikalische Ergebnis gleicht dem, was der
Name der Formation „Culture Mix“ besagt. Hoch lebe die multikulturelle
Gleichzeitigkeit.
Alte und neue Kompositionen spielte das Quintett durchweg auf hohem Niveau, wenn
auch nicht durchgehend konsistent.
So passte vor allem die Rockgitarre, so ausgefeilt bzw. dreckig sie gespielt
wurde, nicht ohne Weiteres in das Gesamtarran-
gement. Statt hier von „Fusion“ zu sprechen, träfe die Bezeichnung „Patchwork“
eher zu.
Während das Gitarrenspiel, von beglückend schönen Jazz-Soli abgesehen, mit Mark
Knopfler von den Dire Straits konkurrieren
könnte, waren die Rhythmusgruppen am ehesten mit Zappas orchestralen Spätwerken
zu vergleichen. Unterschiedlichste
Klangfarben und Rhythmenwechsel wurden von den Percussionisten zusammengefügt.
Ohne konzentriertes Zuhören hätte
man nicht einmal die Hälfte von dem mitbekommen, was gerade passierte. Schwere
Rock-Beats, klassische Fugentechnik,
markanter Groove und vertrackte Rhythmusgruppen waren auf das Wunderbarste,
lückenlos verzahnt.
Der Steeldrummer öffnete exotische Klänge für afro-amerikanischen Jazz, ohne
sich dabei auf eine der beiden Seiten fest-
zulegen. In den glänzenden, überaus lebhaften Einlagen war immer beides zugleich
präsent, und zwar mit einer Weltklasse,
die Cobham beinahe alt aussehen ließ. Wohlweislich vermied Billy Cobham
Einzelgänge. Das hätte das homogene Zusammen-
spiel nur unnötig unterbrochen. Eine außergewöhnliche Leistung.
Schöne Kunstgriffe, doch zu mechanisch
v. Oliver van Essenberg
An die
Anfänge des Ernie Watts Quartetts, das am Samstagabend im Bamberger Jazzkeller
spielte, erinnern sich wohl
manche Besucher. Nach einem ersten umjubelten Auftritt vor gut fünf Jahren und
einem recht durchschnittlichen Zwischen-
spiel bot es nun einen soliden Gesamteindruck.
Das Quartett hat einen hohen Grad an Professionalität im positiven wie im
negativen Sinn erreicht. In der Anfangszeit
spielten die Musiker teils exaltiert, teils voller Spannung, so dass trotz
langweiliger Passagen knisternde Atmosphäre ent-
stand. Schon damals glänzten der Tenorsaxophonist Ernie Watts und Pianist
Christoph Sänger mit gewandten Soli. Beim
zweiten Konzert wechselte die Stückauswahl im Stil eines Flickenteppichs
zwischen Free-Jazz, Be-Bop und Mainstream
hin und her und wirkte ziemlich inkonsistent. Anders das Konzert am Samstag: Das
Quartett machte einen völlig geschlos-
senen Eindruck, bestens aufeinander eingespielt, manchmal schon zu routiniert.
Jene exaltierten Ausbrüche, bei denen Ernie Watts das Saxophon in Coltranscher
Manier bearbeitet, scheinen ihm bzw.
dem Publikum inzwischen zu anstrengend zu sein. Zwar lässt er die Töne immer
noch von knarzenden Tiefen zum heiseren
Kreischen wandern. Die Free-Jazz-Ausflüge sind indes vorbei. Stilistisch
konzentrierte sich das jüngste Programm auf den
Be-Bop der Blue-Note-Ära und den modalen Jazz. Dabei wurden einige große
Interpreten gekonnt nachgespielt, Wayne
Shorter und Art Blakey etwa, wenn auch nicht mit deren Intensität – das lässt
sich so wohl kaum wiederholen.
Die Eigenkomposition standen den Coverstücken qualitativ in nichts nach. Ein
warmer Grundton bestimmte das Konzert.
Durchkonstruiert und wohl durchdacht stimmte hier jede Note. Allerdings: Der
Funke der Begeisterung konnte deswegen
nicht auf das Publikum überspringen. Dafür waren einige schöne Kunstgriffe –
wiederkehrendes Ostinato am Klavier und
am Saxophon und kaleidoskopartige Melodiebögen – auf Dauer zu mechanisch.
Der überdurchschnittlichen Leistung der Musiker tat das keinen Abbruch. In
großartiger Form: Christoph Sänger, sein
Spiel filigran, glasklar. Mit beeindruckender Behändigkeit ließen er und Watts
eingängige Soli über swingende, leicht schräge
Rhythmen hinweg rollen und spielten Rudi Engel am Bass sowie Heinrich Köbberling
am Schlagzeug die Motive zu, die diese
wie im Schlaf aufgriffen und variierten. Unterm Strich: ein gutes Konzert, das
man sich ruhig ein zweites oder drittes Mal
anhören kann.
Unter einer riesigen
Klangglocke
v. Oliver van Essenberg
Lasst Euch erzählen,
liebe Brüder und Schwestern, von der wunderbaren Begebenheit, die sich eines
milden
Abends ereignete in Bamberg. Aus dem fernen Indien kamen Ronu Majumdar und Vijay
Ghate mit ihren Instrumen-
ten Tabla und Bansuri in die Sandstraße, um zu spielen mit Larry Coryell, dem
Meister der Jazzgitarre aus dem
Lande Texas, und dem gepriesenen Saxophonisten George Brooks aus der
weltläufigen Stadt New York, auf dass
das 30-jährige Jubiläum des Jazzkellers in den Haas-Sälen gebührend gefeiert
werde.
Im Gepäck hatten die Zeitgenossen allerlei exotische Töne, die den Hörer fesseln
konnten, wie einst den Sultan
Schachriar die bezaubernde Scheherazade fesselte, deren Geschichten Musik waren.
So wie sich Scheherazade
einst Nacht für Nacht um Kopf und Kragen geredet hatte, da sie die Gunst des
grausamen Königs durch ihre Wor-
te zu gewinnen hoffte, zogen die Musiker alle Register ihrer Kunst, so dass die
in großer Zahl erschienenen Hörer
eins ums andere Mal immer mehr und noch mehr hören wollten.
Nun muss ich dir, lieber Leser, nicht eigens davon erzählen, dass die grausamen
Zeiten, in denen Geliebte des
Sultans am Morgen nach ihrem Vortrag enthauptet werden konnten,
glückseligerweise vorbei sind. Die Leute rund
um das Bamberger Sandgebiet sind, von wenigen trunkenen Randalierern abgesehen,
kultiviert, und sie sind es auch
und gerade durch jene friedlichen Töne, mit denen die Musiker am vergangenen
Freitagabend das Jubiläumskonzert
gestalteten. Unweigerlich drängte sich mir der Eindruck auf, dass man sich vor
nichts zu fürchten braucht, solange
es diese Musik gibt, die die Seele streichelt wie ein Wind, der sanft über das
Wasser zieht und sich immerzu fortbe-
wegt, ohne Anfang und ohne Ende. So flossen in diesem Konzert Töne
unterschiedlichster Herkunft, aus Indien,
Amerika, Europa und Afrika, ineinander und vereinigten sich zu einer riesigen
Klangglocke, die den Verstand und die
Beine gleichermaßen zum Schwingen brachte.
Auf diese Weise zeigte das Konzert die Verwandtschaft von allem, was singt und
klingt. Niemand Geringeres als der
großartige Saxophonist John Coltrane sagte einmal, dass er versuche Saxophon zu
spielen wie der verehrte Ravi
Shankar Sitar spielte. Wenn dem so ist, warum sollte ein Musiker dann nicht
Gitarre spielen wie ein Sitarspieler oder
ein Saxophonist, während dieser wiederum Saxophon spielt wie ein indischer
Flötenspieler auf der Bansuri und immer
so weiter? Das mag für manche Ohren komisch klingen, hell, gellend,
schnörkelhaft, und so war es zuweilen auch,
aber eben auch spitzfindig, knifflig, witzig, virtuos und im Einklang mit den
Tabla-Rhythmen außerordentlich groovig.
Um es mit dem Meistergitarristen Coryell zu sagen: „Business is all about profit.
Politics is all about power. But music
is all about peace. And we need a lot more peace in this world“. Das war es. Das
ist es. Peace.
FT v. 04. 10. 2004
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Lieder als Versuchsanordnungen
von Oliver van Essenberg
Die Jazz-Sängerin Masha Bijlsma und ihre Band sind im
Jazzkeller keine ganz Unbekannten mehr. Zum vierten Mal
gastierten sie am Samstag im Clublokal - gegenüber dem letzten Auftritt mit
einer unüberhörbaren Steigerung.
Masha Bijlsmas eigenwilliger Gesangstil war zuletzt vor
zwei Jahren schon recht angenehm aufgefallen. Damals
wirkte das Gesamtprogramm in sich jedoch nicht ganz stimmig. Die holländische
Sängerin interpretierte Jazz-Schla-
ger aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, versah sie mit
ungewöhnlichen Vokal-Improvisationen und brach-
te eigene chansonartige Kompositionen mit Einflüssen aus Pop und Jazz ein. Es
klang, als befinde sie sich trotz ihres
ausgeprägten gesanglichen Talents noch auf der Suche nach einem eigenen Weg.
Nach dem letzten Abend kann niemand mehr behaupten, dass sie dabei nicht weiter
gekommen ist. Bijlsma hat sich
auf ihre Stärke konzentriert, und die liegt in der Interpretation einer, ich
muss vorsichtig sein, ‚weißen‘ Stilrichtung
der Jazzmusik. Wenn Bijlsma ein Stück von Nina Simone covert, wie am
Samstagabend geschehen, ist ihre Technik
eine andere als die der im Rhythm und Blues groß gewordenen Sängerinnen und
Sänger, die dem Mississippi Delta
entsprangen: weich und samten statt rau und schnarrend. Aber, und das ist das
Schöne, trotzdem unangepasst,
fern vom süßen Wohlklang, mit dem in aller Regel die Charts gefüttert werden.
Die Bijlsma Band startete verwegen,
mit einer unangenehm hektischen Horace Silver-Adaption. Wäre das Konzert so
weiter gegangen, hätte sich das
Quartett sehr unbeliebt gemacht. Mit dem zweiten Stück, einer Cover-Version nach
einem Pop-Hit von Kate Bush,
besannen sich die Musiker eines Besseren und spielten fortan auf konstant hohem
Niveau. Bijlsmas außerordentlich
wandlungsfähige Stimme beeindruckte. Spielerisch geht sie mit Liedern um. Ihr
besonderes Kennzeichen ist, dass sie
die Strophen versuchsweise, bis ins Detail, in die einzelne Silbe hinein,
austastet. Zwischen laut und leise, hell und
dunkel kann sie ihre Stimme im steten Wechsel schwingen lassen, wobei die
sonoren, aber auch die leisen Töne ihr
eindeutig am ehesten liegen.
Bijlsma versteht es glänzend, Form und Inhalt in
Übereinstimmung zu bringen. Die Passagen werden nicht wie in
Gesangsübungen lose aneinandergereiht, sondern mit viel Gespür für Ausdruck und
Aussage verbunden. Da hört man
über manche schiefe Töne gerne hinweg. Ohnehin neigt ihre Musik mehr dem
Konflikt zu als der Versöhnung, mehr
der multiplen Persönlichkeit als der problemlosen Individualität. Die Begleiter
unterstrichen diese Tendenz. Pianist
Rob van den Broeck, Drummer Dries Bijlsma und Kontrabassist Henk de Ligt schufen
eine homogene Hintergrund-
Atmosphäre für den Auftritt der Sängerin. Sowohl die Eigenkomposition als auch
die zahlreichen Cover-Versionen
machten neugierig auf mehr.
Den Kunstgriffen treu
geblieben
von Oliver van Essenberg
Wenn ein auf Klassik
abonnierter Musiker sich als Jazzinterpret hervortut, verläuft das manches Mal
nicht sehr glücklich.
Ex-Symphoniker Max Kienastl ist zur Saisoneröffnung mit seiner Geige und einigen
alten Bekannten in den Jazzkeller zu-
rückgekehrt und hat den Gegenbeweis erbracht.
Als klassisch im weitesten Sinn ließe sich auch dieses Konzert beschreiben. Als
Attribut für immer wiederkehrende Motive
trifft die Bezeichnung nicht nur auf die Stückauswahl, sondern ebenfalls auf die
stilistische Darbietung, den klassischen
Jazz, zu. Wiedergekehrt sind zudem Thomas Fink und die lokalbekannten Jazzer
Rainer Groh und General Hartlieb, aber
auch das gesamte Inventar des Jazzkellers. Gänzlich neu ist indes das vom
Vorstand angeschaffte Klavier, das an die-
sem Abend Premiere hatte. Klassik hin, Klassik her – vom Genre gesehen blieb das
Quartett den Kunstgriffen des Jazz
treu, und das war gut so. Denn bislang blieb jeder Versuch, die eigenwilligen
Stilmittel zu glätten, hinter dessen ureige-
nen Ausdrucksmöglichkeiten zurück. So war es in den Vorjahren bei einem Auftritt
mit einer klassisch geschulten Sängerin
vom Opernhaus, so war es bei einer lieblichen Billie Holiday-Hommage.
Das Repertoire bestand bei Kienastls Auftritt in der Tat aus nicht tot zu
kriegenden Standards: „All of me“, „Another you“
„Summertime“, "Take Five“, Johnny Brahms „Gute-Nacht-Lied“ und was an ewigen
Schlagern mehr seit geraumer Zeit die
Runde macht. Aufhorchen ließ die Umsetzung.
Von Thomas Fink wird gesagt, dass er immer noch den Ehrgeiz hat, kein Stück zwei
Mal gleich zu spielen. Wie zum ersten
Mal gespielt klangen Teile der Standards dank des improvisatorischen Geschicks
der beiden Hauptakteure Fink und Kienastl.
Ausgetretene Hauptpfade wurden verlassen und in teilweise völlig andersartige
Nebenmotive überführt. Während die Rhyth-
musformation um Schlagzeuger Rainer Groh und General Hartlieb prägnant den Takt
hielt, konnte Thomas Fink derart flink
variieren, dass Oldies sich flugs in Modern Jazz verwandelten.
Kienastls letzter Auftritt im Jazzkeller liegt bereits ein gutes Jahrzehnt
zurück, doch funktionierte das Zusammenspiel im
Quartett reibungslos, auch als Kienastl von der Geige zur Posaune wechselte. Je
bekannter das Stück desto mehr schien
sich das Quartett auf Unvorhersehbares einzulassen. Treffendstes Beispiel: der
Marsch aus Bizets „Carmen“, der super
swingend und mit exzessiven Soloausflügen interessanter als jede noch so
ausgefeilte Interpretation eines klassischen
Orchesters klang.
Kienastl unterstrich besonders mit der Geige seine ausgeprägte Fähigkeit zur
Pointierung und Überspitzung. Im Gegenzug
konnte das Instrument in einem Stück verschiedenartig verstreute Klangfarben
annehmen, als würde eine Person mit meh-
reren Stimmen singen, unschlüssig zwischen der einen und der anderen Stimme hin-
und herschwankend.
Was von einem konventionellen Standpunkt aus als Bruch, vielleicht sogar als
Selbstwiderspruch erscheint, wurde konse-
quent als kreative Eigenart genutzt. Für den rappelvollen Jazzkeller ein
erfreulicher Einstieg.