10. 12. 2005
Peter O' Mara
26. 11. 2005
Brüning - Petrowsky
18. 11. 2005
Jeff Siegel
12. 11. 2005
Tex Döring (Memorabilien)
11. 11. 2005
Nils Wülker
05. 11. 2005
Milan Svoboda
08. 10. 2005
Florian Poser
30. 09. 2005
Köhnlein Trio
24. 09. 2005
Underkarl
13. 05. 2005 Schlesinger/ Lackerschmid
19. 03. 2005 Stephan-Max Wirth
12. 03.
Bireli Lagrene
26. 02. 2005
Charles Davis
08. 01. 2005 Tex Döring/ Don Menza
Mit solidem Profil
von Oliver van Essenberg
Ein Jahr liegt
Peter O‘ Maras erster Auftritt im Jazzkeller zurück. Gemessen an dieser
Formation wird den Besuchern
die aktuelle Besetzung, mit der der Gitarrist am Freitag auftrat, weniger
glücklich in Erinnerung bleiben. Das jüngste
Quartett zeigte kein sehr eigenständiges, jedoch ein recht solides Profil. Im
Peter O‘ Mara Quartett trafen unterschied-
liche Erfahrungshorizonte aufeinander, die nicht immer zu einer stimmigen
Einheit verschmolzen: Peter O‘ Mara,
der routinierte, ausgefuchste Gitarrist, der durch Vielseitigkeit und Freude am
Detail beeindruckt, wurde von Matthias
Pichler am Bass und Christian Kronreif am Saxophon, zwei ambitionierten, aber im
Vergleich deutlich ausdrucks-
schwächeren Instrumentalisten, begleitet. So lange die Musiker sich auf den
anderen einstellten, sich in die Komposi-
tionen hineinwühlten, was in weiten Teilen auch der Fall war, lief der Abend
rund. Fast genau so oft aber standen die
Arrangements unvermittelt nebeneinander, wurde hier ein Hardbop-Solo eingelegt,
dort ein wenig Freeform-Jazz ein-
gestreut, und das bemühte Zusammenspiel nahm seinen Lauf.
Auch Schlagzeuger Jochen Rückert, der zusammen mit Nils Wogram im Jazzkeller
bereits für knisternde Atmosphäre
sorgte, spielte sehr nuancenreich, lag beim Einsatz jedoch so oft daneben, dass
der Eindruck der Zerstreutheit
offenbar wurde. Auch Peter O‘ Mara, der es wunderbar versteht, Rock und Jazz
subtil zu vereinen, blieb angesichts
dieser Bedingungen unter seinen Möglichkeiten. Peter O’ Mara war es denn aber
auch, der in den eingängigen Stücken,
in den alle Bandmitglieder harmonierten, das Konzert immer wieder zu einem
Genuss machte, und zwar nicht durch Atem
beraubende Wiedergabe des längst Bekannten, sondern mit einer durchdachten, in
alle Richtungen offenen Spielweise,
stets für überraschende Wendungen gut.
Süße Verwirrung

von Oliver van Essenberg
Die Situation kennt man: Musiker kommen in den Jazzclub, an die hohe Erwartungen
hinsichtlich Publikums-
zuspruch geknüpft werden, und dann spielen sie vor leeren Reihen. Nicht anders
erging es am Samstagabend
Uschi Brüning und Ernst
Ludwig Petrowsky. Nicht dass mangelnde Popularität schon ein
Qualitätsausweis ist –
traurig, wenn dem so wäre. Aber wenn es um beliebte Musikstile geht, verhält
sich das Publikum im Großen und
Ganzen extrem konservativ, harmoniesüchtig. Niemand, auch nicht der Kritiker,
kann es den Hörern verdenken,
wenn man sich lieber den alten Weisen zuwendet statt überspannten
Avantgardismen. Der Hinweis auf die seit
Jahrhunderten eingespielten Hörgewohnheiten erklärt nur, weshalb im radikalen
Sinn progressive Musikstile hart-
näckig auf taube Ohren stoßen. Dabei hat Uschi Brüning, die in der ehemaligen
DDR erst als Schlagersängerin
mit Pop und Jazz-Hits Erfolge feierte und Anfang der 80er Jahre mit Ernst Ludwig
Petrowsky die Bühnen un-
sicher machte, wie ihr Kompagnon auch inzwischen selbst Geschichte geschrieben.
Entstanden ist so ein Pro-
gramm mit zahlreichen musikgeschichtlichen Referenzen, eigenwillige
Interpretationen wahrer Welthits wie dem
altehrwürdigen „Makin‘ Whoopee“, dem melancholischen „My Funny Valentine“, dem
nachdenklichen „Fool
on the Hill“ und dem zartbesaiteten „Nature Boy“. In minimalistischer Besetzung,
unterstützt von Saxophon
und Flöten, entfalteten die Stücke Intensität auf zurückhaltende Weise,
durch ebenso abwegige wie beharrliche
Ausführung. Die lyrischen Ausflüge bereicherte Petrowsky um skurrile Anekdoten
und abstrakt versponnene Impro-
visationen, Anleihen an den Hardbop-Künstler Horace Silver und die Free
Jazz-Ikone Ornette Coleman. Von der herben
Schönheit der Gesangsstücke führten sie hinein in den milden Wahnsinn
fragmentarischer, expressiver Lautmalereien,
hinauf in irrsinnig hohe Register und hinab zu dunkel raunenden
Wort-Klang-Gebilden. Eine babylonische Sprachenver-
wirrung. Anstrengend, interessant und mit Ausweg: ins Freie.
Die kosmischen Kuriere
von Oliver van Essenberg
Es ist schon wahr: New York ist ein Hot Spot ambitionierter Jazz-Musiker.
Enttäuscht hat auch im Bamberger Jazz-
keller bislang noch keine Formation der
Mega-Stadt. Das Jeff Siegel Quartett, das am Freitagabend zu Gast war,
setzte
bewährte Beziehungen fort und überraschte zum Teil mit aufregenden
Kompositionen.
Bandleader und
Drummer Jeff Siegel absolvierte bereits den dritten Auftritt im
Clublokal. Manche Besucher kennen ihn aus anderen
Formationen als
zurückhaltenden, aber finessenreichen Schlagzeuger. Und in der Tat: Er hat aus
dem Instrument in
seiner leisen, unaufdringlichen Art mehr gemacht als ein
bloßes Rhythmusgerät. Jeff Siegels Drumming baut ganz
leichtfüßig ein
raffiniertes Klanggefüge mit beinahe melodischer Qualität auf.
In dem Kontrabassisten Danton Boller, der wie die anderen Bandmitglieder auch
zum ersten Mal im Jazzkeller weilte,
stand ihm ein kongenialen Partner zur
Seite. Denn die Kompositionen Siegels haben einiges mit weiten Räumen
in teils
dunklen, teils vielfarbig schillernden Tupfern gemeinsam – sie sind „Magic
Spaces“, wie es der Titel der neuen, im
Jazzkeller präsentierten CD andeutet.
Dazu trug nicht zuletzt die Pianistin Francesca Tanksley einen großen Teil bei.
Sie
versteht es, die Töne anmutig, grazil, wie auf einer Perlenkette,
aneinanderzureihen, Spannungskurven aufzubauen und
sie mit überraschenden
Richtungsänderungen, plötzlichen Verschiebungen im metrischen Gefüge zu
steigern. Kaum eigen-
ständiges Profil gewann indes die Tenorsaxophonistin Erica
Lindsay. Sowohl melodisch als auch spieltechnisch bot sie einen
soliden, aber
etwas blassen Eindruck.
Es war ein starker Abend für die besagten Solisten und ungewöhnliche
Duo-Kombi-
nationen, allen voran zwischen Klavier und Schlagzeug sowie Schlagzeug
und Bass. Wenn alle vier Musiker gemeinsam
agierten, verlor sich schnell der
Charme. Um so schöner entfaltet er sich aber in den vielen sparsam
instrumentierten, luftigen,
meditativen Ausflügen.
Von einer Keimzelle des Bamberger Jazz
von Oliver van Essenberg
Wer von Jazz in Bamberg spricht, kommt um Tex Döring nicht herum. Tex Döring,
der am Samstagabend im Jazzkeller
selbst über Jazz in Bamberg sprach, ist als
wandelndes Geschichtsbuch eine Instanz. Für sich hat Tex Döring aus
seiner Herzensangelegenheit das Beste gemacht, was einem Musikfreund passieren
kann. Vom Vater mit Jazzplatten
versorgt, entdeckte er früh sein Interesse für
das, was „ganz anders klang als die Sachen, die sonst zu hören waren.
“ Meistens
mittendrin im Geschehen, war er auch beim ersten öffentlichen Jazzkonzert, 9.
November 1960, im Cafe
Jäger selbst am Klavier dabei. Im professionellen
Musikgeschäft blieb er indes, wie viele, eine Randfigur, und zwar nicht
nur,
weil er sich vom Kommerz verabschiedete, sondern vor allem deshalb, weil er
hauptberuflich, als Gymnasiallehrer für
Chemie, Biologie und Erdkunde, einen
anderen Weg einschlagen sollte. Ein Leben mit Musik, ohne professionelle (De-)
Formation,
dafür als echtes Unikum.
Was Tex, Jahrgang 38, in der Sammlung Döring an Memorabilien zusammengetragen
hat, macht das Kernstück der Bamber-
ger Jazz-Geschichte aus. Aus ihr schöpfte er
an diesem Abend, dem vor allem Eingeweihte bewohnten, Interessantes
und
Unterhaltsames zur Vorgeschichte des Jazz in Bamberg. Frühe Anfänge datieren auf
das Jahr 1926, der Gründung der
„Schützen-Kapelle“, unter anderem durch Tex
Dörings Vater. Fesch gekleidet waren die Musiker schon damals. Anzug und
Krawatte gehörten dann auch in den 50er Jahren zum Erscheinungsbild. Es waren
lange Jahre mit vielen technischen und
politisch bedingten Einschränkungen. Wer
in Ami-Clubs etwas anderes als Schlager hören wollte, amateurhaften Jazz
oder
auch furchtbaren Hillybilly, brauchte einen Musikerausweis. 1958 brachte für Tex
und die Seinen die Wende. Sie
erhielten einen Musikerausweis und schon bald
einen Monatsvertrag für erste Gigs.
Die Auftritte in vielen, heute verblassten Stätten, in denen damals, nicht
öffentlich, neben Schlagern auch gejazzt wurde -
der Ruderclub, das
Elefantenhaus, das La Paloma und die eigentliche Keimzelle, das Cafe Jäger –
boten hervorragende
Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, Noten zu erhalten,
Tortenstücke abzusahnen oder auch, wie bei einer zufälligen, un-
gewollten
Begegnung von Tex, im Hinterzimmer plötzlich mit vier nackten Frauen,
Stripperinnen, zusammenzutreffen. Auf-
regende Tage begannen. Die Musik wandelte
sich vom Swing zum Be Bop. Im nahen Nürnberg (Messehalle) konnte man in
nur
einem Jahr, 1960, jeweils für ein paar Mark die Jazz-Helden der Zeit hören –
Miles Davis, John Coltrane, Lee Morgan,
Wayne Shorter, Oscar Peterson, Stan Getz,
Ella Fitzgerald. Die Zeit war reif für das erste Bamberger Jazzkonzert mit
Einhei-
mischen.
Wie es weiterging, wird Tex Döring auf gewohnt lockere Art bei weiteren
Plauderabenden erzählen. Davon mehr im nächsten
Jahr.
Unter der Mitternachtssonne

von Oliver van Essenberg
Nils Wülker hat seinen Weg in den Jazzkeller und in die Köpfe der Hörer in einer
Weise gefunden, die ihn selbst
überraschte. Der Trompeter, der noch als Student ausschließlich für Klassik
lebte und mit der Space Night, auch
in Bamberg, seinen Aufstieg feierte, ist zu einem respektablen Vertreter
schicker Jazz-Musik gereift. Zwei Ziel-
gruppen hätte seine Auftragsarbeit für die Space Night im Nachtprogramm des
Bayerischen Fernsehens besonders
angesprochen, so Wülkers: Studenten und ältere Semester ab dem 50. Lebensjahr.
Nicht ganz so zweigeteilt,
aber immerhin recht bunt setzte sich das Publikum im Jazzkeller zusammen, in dem
am Freitagabend zeitweilig sogar
der Platz auf der Treppe besetzt wurde. Viel zu sehen ist ja auch nicht wichtig
in einem Programm, das sich den we-
sentlichen Dingen der späten Abendstunden und Mitternachtslaunen verschrieben
hat. In geraffter Form enthielt es
Höhen, Tiefen und Untiefen einer Jazzclub-Nacht. Feel good, let it flow and
chill out. Nils Wülker spielt den passenden
Soundtrack zum urbanen, weltläufigen Lebensstil. Mehrstimmige und eingängige
Melodien, denen man sich in die Arme
werfen möchte, Jazz-Pop-Cocktails mit ein wenig Zucker, melancholische
Sphärengesänge.
Durchweg überzeugend, ideenreich und ohne Durchhänger präsentierte Wülker an
diesem Abend die neue CD „My Game“,
die schon im Titel andeutet, was sich die Band um den 1977 geborenen Musiker zum
Prinzip machen möchte: spielerisch
elegante Eigenkompositionen, ohne den störenden Einfluss eines aufgeblasenen
Management-Apparats. Pate stehen der
coole Miles Davis und natürlich der funkige Herbie Hancock. Gemischt mit
Ambient-Einflüssen ergeben sich daraus weiche,
sympathische Arrangements, die Spaß machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ein gut eingespieltes Quartett: von
Dietmar Fuhr, der in den Balladen dem Kontrabass schwelgerische Momente
abgewann, über den stets entspannt grooven-
den Lars Duppler, der zwischen Piano und Fender Rhodes wechselte, bis zum
druckvollen Schlagzeuger Jens Dohle. Neben
Nils Wülker spielte vor allem der Saxophonist, Jan von Kleewitz, solistische
Stärken aus. Auch wenn den Kompositionen
das Zeug zum singulären Ereignis fehlt, darf man gespannt sein, was kommt.
Hinwendung zu den Funken
von Oliver van Essenberg
Mit dem Milan Svoboda Quartett aus Prag kamen am
Samstagabend kein ganz Unbekannten in den Jazzkeller. Band-
leader und Pianist Milan Svoboda stand vor vier Jahren schon einmal auf der
Bühne und bürgte auch diesmal für hohe
Qualität. Mit Jazz aus Prag hat es, wie mit Jazz aus ehemaligen Ostblockländern
überhaupt, eine besondere Bewandtnis.
Jazz war in der breiten Öffentlichkeit eigentlich die einzige Musik für
Langhaarige und ist in der Abwandlung als Jazz-
Rock bis heute vital geblieben, während hierzulande, schon seit einem guten
Jahrzehnt, eher Post-Rock-Gruppierungen
angesagt sind. Spielarten des Jazz, wie er in den 50er bis 70er Jahren prägend
war, wurden also auch in Prag relativ
unbekümmert fortgesetzt. Anklänge daran waren beim Milan Svoboda Quartett
hörbar. Allerdings beschränkten sie
sich, anders als noch vor einigen Jahren, auf ganz wenige Passagen. Geradlinig
legten die Bandmitglieder los, zunächst
ohne beachtliche stilistische Raffinessen. Sowohl Milan Krajic am Tenor- bzw.
Sopransaxophon als auch Svoboda am
Piano spielten sich leidenschaftslos durch relativ glatte Arrangements. Ein paar
rhythmische Kapriolen hier, ein paar
verschleppte Akkorde dort. Zwischendurch kleine, zündende Ideen.
Krajic und E-Bassist Filip Spaleny improvisierten in langen Soloausflügen – aber
wozu? Ohne interessantes Thema,
ohne ausgeprägt melodische Elemente. Kein Wunder, dass der Funke, auch beim
Publikum, zunächst nicht übersprang.
Spätestens aber gegen Ende des ersten Sets drehte das Quartett auf und Svoboda
schüttelte nun immer öfter die
Trümpfe aus dem Ärmel. Und mit was für eine Verve konnte der Bandleader spielen!
Während er mit der linken
Hand gleichmäßig auf und ab kreiste und dabei die harmonische Grundstruktur
festhielt, flog die rechte Hand
zuckend über die Tasten und warf die quirligsten Klangkaskaden hin, die im
Jazzkeller seit langem – jemals? - zu
hören waren. In den nun immer häufiger werdenden Soli und besonders in langen,
ausgesprochen schönen Klavier-
Jazz-Suiten entfaltete Svoboda sein ganzes Talent als Tastenvirtuose, und die
Kollegen zogen nach. Am Ende konnten
alle, Publikum und Band, mehr als zufrieden sein.
Fränkischer
Tag v. 7. 11. 2005
![]()
Lebensfreude am Vibrieren
von Oliver van Essenberg
Der Jazzkeller hat am
Samstagabend seinen Ruf als vielleicht interessantester musikalischer Spielort
der Region, jenseits
klassischer Klangkultur, aufs Neue bestätigt. Florian
Posers Brazilian Experience bot raffinierten Latin-Jazz in Hülle und
Fülle.
Latin bleibt jung und verjüngt die Hörer. Mit modernistischen Ablegern wie Nu
Jazz, Chillout, Lounge usw. hat Florian
Posers Band um den Vibraphonisten Poser und den Trompeter Gustavo Bergalli nur
am Rande zu schaffen. Bei der Brazilian
Experience werden keine Jazzsoli durch mehr oder weniger stampfende Beats
gedreht. Was die fünfköpfige Formation an
Klangfarben und Arrangements ausgetüftelt hat, ist so funkig groovend und
solistisch virtuos gespielt, dass von einem
Ableger gar nicht erst die Rede sein kann. Dabei hat das Quintett den
traditionellen Latin Jazz durchaus für moderne Ein-
flüsse geöffnet.
Die Brazilian Experience besticht durch einen ausgeprägten Sinn für Dynamik und
Lebensfreude. Statt federnder Salsa-
Ryhtmen oder karnevalistischem Trommelfeuer setzt der brasilianische
Meister-Drummer Portinho auf wendige, schnittige
Rhythmussektionen. Als Solist ist er gleichermaßen überzeugend wie als
Begleiter, fügt sich geschmeidig in den Spielfluss
ein und hebt sich mit funkigen Breaks ab. Auch die anderen Musiker haben das,
was eine Band ganz entscheidend braucht:
den Flow, und die Fähigkeit, den Fluss zu halten, ihn auch bei komplexen
Rhythmuswechseln durchlaufen zu lassen und
selbst dann noch harmonisch zu interagieren, wenn jeder in der Gruppe wie ein
Solist auftritt.
Pianist Klaus Müller hielt sich eher zurück, mischte sich jedoch harmonisch in
das Arrangement ein. Ähnlich der brasi-
lianische E-Bassist Itaiguara, der mit melodischen Klangfarben das Spiel
durchwärmte. Dem aus Buenos Aires stam-
menden Trompeter Gustavo Bergalli war es schließlich vorbehalten, eine betont
moderne, gebrochene Phrasierung anzu-
stimmen. In den stärksten Momenten gelangte das Wechselspiel in der Tat zum
Vibrieren. Und welches Instrument
wäre besser geeignet, all die unterschiedlichen Strömungen mit den vielfach sich
überkreuzenden Haupt- und Nebenbah-
nen aufzugreifen und auf den Punkt zu bringen, wenn nicht das Vibraphon?
Wunderbar schwebte es in Posers Spiel über
allem.
Zwischen
Anspannung und Befreiung
von Oliver van Essenberg
In
klassischer Besetzung – Klavier, Bass, Schlagzeug -, aber ohne
Standard-Repertoire trat das Dieter Köhnlein Trio
am Wochenende im Jazzkeller auf. In Eigenkompositionen griff der Bandleader
Jazz-Spielarten zwischen Ballade, Blues
und Latin auf und gab ihnen einen betont europäische Note. Wohlgeformte
Harmonien und druckvolle Rhythmen waren
Hauptbestandteile an diesem Abend. Dabei trug der Umstand, dass sämtliche Stücke
von Köhnlein selbst komponiert
wurden, wesentlich zu einem dichten, homogenen Eindruck bei. Diese Musik schien
um ein Zentrum zu kreisen:
ein durchdachtes Konzept, abstrakt genug, um so verschiedene Ausdrucksformen wie
eine zärtlich hingehauchte
Ballade und einen zum Bersten gespannten Klangwirbel stimmig in ein Gesamtgefüge
einzubinden.
Anspannung und Befreiung waren die beiden Pole, zwischen denen das Trio
pendelte, wobei Köhnlein am
Klavier die Spannung mit zum Teil weit ausgreifenden, stakkatoartigen Mustern
aufbaute, die auf der Tonleiter auf-
und abschwangen, sich clusterartig verdichteten und im Nu in sanfte Passagen
übergehen konnten. Routiniert
wechselte das Trio zwischen den rhythmischen Strukturen nicht nur innerhalb der
Stücke, sondern auch zwischen
den Arrangements selbst hin und her. Im Ganzen ist Köhnleins Musik eindeutig
mehr Kreis als Fleck, mehr ge-
schwungene, punktierte Linie als unregelmäßiges Zick-Zack. Genau dadurch drohen
die Handgriffe aber, so gut sie
ausgeführt sind, irgendwann mechanisch zu werden – eine Gefahr, der auch
Köhnlein und seine Kollegen
(Kontrabass - Tobias Kalisch; Drums – Ray Kacznski) nicht entkamen. Im
Gegenteil: Die Ästhetik wurde, mit der
Adaption eines Techno-Beats und eines knackigen Basslaufs, einmal sogar auf die
Spitze getrieben; was in dieser
relativen freien Form recht originell war. Wie zum Ausgleich streute das Trio
zudem launische, verspielte Stimmun-
gen dazwischen, so dass trotz manch trockener Momente für reichlich Abwechslung
sicher gesorgt war.
Symphonisches Mit- und Gegeneinander
von Oliver van Essenberg
Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, und so erfuhr das Publikum bei der
Saisoneröffnung im Jazzkeller, wie spannend
das Aufeinandertreffen des
Geradlinigen mit dem Schrägen verlaufen kann. Sebastian Gramms Jazzcombo Underkarl gelang
mit den Goldberg Variationen nach J. S. Bach eine
Gratwanderung.
Was Bach wohl davon gehalten hätte, dass fünf junge
Talente seine Musik eines
Tages, unterstützt vom Beifall der Zuhörer, lustvoll konterkarieren? Halb so
wild: An Bachs
Status wird vermutlich auch in den kommenden 100 Jahren nicht
gerüttelt. Ein frischer, experimentierfreudiger Umgang
mit seinem Erbe ist,
unter dem Gesichtspunkt einer befreienden Distanz vom alteuropäischen Übervater,
mit einem hohen
Anspruch verbunden. Und dem hielt das Programm im Jazzkeller
zweifellos Stand. Was die Formation aus Bach-
Werken gemacht hat, war gewagt,
aber trotzdem verständlich.
So schön viele Bach-Interpretationen im Gefolge von Jacques Loussier klingen, so
sehr bleiben sie meistens den Grundre-
chenarten, wohltemperierter Harmonie und
exakten Rhythmusintervallen, verpflichtet. Bass und Schlagzeug geben den
Grundton vor und in den auf- und abschwingenden Obertönen wird das musikalische
Thema solistisch variiert. Underkarl
haben ein komplexeres und stärker
gebrochenes Arrangement entwickelt, in dem Konsonanz und Dissonanz, abrupte
Wech-
sel und die rhythmischen Purzelbäume des Jazz ein stimmiges Ganzes bildeten.
Dabei wurde der obligate Swing durch das
symphonische Mit- und Gegeneinander der
Instrumente fast ganz an den Rand gedrängt.
Eine Glanzstunde für die
Bläser. Posaunist Nils Wogram und Tenorsaxophonist
Lömsch Lehmann bestimmten, im Wechsel zwischen barocker
Fülle und scharfen Soli,
den Klang, wobei vor allem die Posaune den mehr oder weniger authentischen
Bach-Sound
traf und Lehmann die exaltierten Ausbrüche zufielen. Ihnen zur Seite
stand Gitarrist Frank Wingold, der besonders
die leisen Stücke um eine fragile
Komponente bereicherte, und die beiden Band-Kollegen Dirk-Peter Kölsch (Drums)
sowie Sebstian Gramss, die das überaus gelungene Zusammenspiel eindrucksvoll
unterstützten.
| Meister
|
|
von Oliver van Essenberg
Einen ganzen Abend mit ruhigen,
langsamen Liedern zu gestalten, ist nicht jedermanns Sache. Die Sängerin
Stefanie Schlesinger
und der Vibraphonist Wolfgang Lackerschmid
haben das Wagnis auf sich genommen und als Lo-Fi-Duett das Publikum im
Bamberger Jazzkeller kaum enttäuscht. Ein paar langsame Stücke lassen sich
mühelos in jedes Konzert integrieren, als Kontrast zu lebhaften Passagen,
als Spannungsmoment. Schwieriger, wenn ein ruhiges Stück aufs nächste folgt.
Trotz Konzentration auf Wesentliches ist ein höheres Maß an Gewandtheit
gefragt. Das Können, einen Balladenabend zu meistern, hat Stefanie
Schlesinger. 1977 geboren, besuchte sie in Bamberg das Gymnasium und schloss
eine klassische Gesangsausbildung in Augsburg ab. |
Seltene, geglückte Synthesen
von Oliver van Essenberg
Großartiges und weniger
Großartiges hielt sich bei dem letzten „Starkonzert“ dieser Saison im Jazzkeller
die Waage.
Das Jiri Stivin Quartett glänzte mit dem
hervorragend Flöten, Saxophon und Klarinette spielenden Altmeister Stivin
und bot neben viel Originellem recht konventionellen Jazzrock. Bereits zum
zweiten Mal spielte die Flöte in diesem
Jahr eine Hauptrolle. Nach dem Konzert mit dem Australier Charles Davis, der die
lieblichen Klangfarben des Instru-
ments voll ausspielte, kam mit dem Prager Multiinstrumentalisten Stivin
zweifellos der prägnantere Solist zum Zug.
Der 1942 geborene Musiker gehört zu den seltenen Begabungen, die in
verschiedenen Stilrichtungen tätig waren
und diese mehr als nur oberflächlich in ihr Repertoire aufgenommen haben.
Osteuropäische, böhmische Folklore und
Jazzklassiker bilden Stivins Standbeine. Als Reminiszenz an die langhaarigen
Weggefährten kommen Schlenker in den
Jazzrock hinzu.
Wer in Stivins Biographie wühlt, könnte noch viele Seitenwege mehr ausfindig
machen: Studium bei einem Dozenten
für Alte Musik, Berührungen mit Avantgarde bzw. frühem Minimalismus im „Scratch
Orchestra“ von Cornelius Cardew...
Kein Universalgenie, aber ein ewig Suchender, von Neugier getriebener Mann ist
dieser Mann. Von seinem Können
konnte sich das Publikum im ausverkauften Jazzkeller ein Bild machen. An der
Flöte läuft Stivin zur Hochform auf.
Die Intensität ist in jedem Augenblick spürbar und tritt gerade in den
Zwischentönen und fein abschattierten Nuan-
cen zu Tage. Nicht auf glatte Perfektionierung kommt es Stivin dabei an. Was ihn
als kreativen Musiker auszeichnet,
ist die Fähigkeit, überraschende Verbindungen zwischen scheinbar
Unzusammenhängendem aufzudecken, wie in den
Bearbeitungen von Traditionals Swing mit Folklore harmoniert, wie in
Jazzstandards („Summertime“, „Autumn leaves“,
„So what“) das Schwierige sich mit dem Einfachen verbrüdert.
Die Synthese gelang in etlichen Stücken. Mit fortschreitender Zeit aber schien
dem Quartett, das unlängst die erste
gemeinsame CD („So what“) herausbrachte, die Puste auszugehen und die Musik
glitt in eine Jam-Session mit gängigen
Jazz- und Funkrock-Elementen ab. Schlecht war das Konzert deswegen sicher nicht.
| Klangvoller Flickenteppich in schillernden
Farben |
|
von Oliver van Essenberg
Ein hochgelobtes Quartett machte am Samstag im Bamberger Jazzkeller Halt.
Das Stephan-Max-Wirth-Ensemble mit der Pianistin
Julia Hülsmann hatte viel Spaß
an der Musik und sorgte in einem gut dreistündigen Auftritt auch im Publikum
für gute, anspruchsvolle Unterhaltung. Während die Zuhörer im Hauptraum sichtlich die Musik genossen, machte
sich im ebenfalls gut besuchten Thekenraum heiteres Geplauder breit – immer
wieder ein untrügliches Zeichen für ein gelungenes, eingängiges
Konzertereignis. Langweile konnte angesichts der stilistischen Vielfalt und
Raffinesse der Band denn auch kaum aufkommen. Ein buntes Sammelsurium
anregender und interessanter Klangfarben vermisch-ten die Musiker zu einem
stimmigen Ganzen. „Illumination“, so der Titel der neuesten CD des Ensembles, schafft keine
feierliche, würdevolle Erleuchtung. Die Illumination regt hier eher zu einem
wissenden Schmunzeln an, wissend um die Relativität der musikalischen
Mittel, um das kompositorische Geflecht, von dem die eigenen musikalischen
Koordinaten mitbestimmt werden. Anspielungen auf Sixties und Seventies-Groove en masse: Vor Herbie Hancock und dem elektrifizierten Miles Davis,
Isaac Hayes und vielen weiteren Referenzgrößen machte Julia Hülsmann am
Fender Rhodes eine Verbeugung, interpretierte sie jedoch in eigener Weise:
schräger, disharmonischer, in den ruhigen Passagen sehr zurückhaltend,
introvertiert. |
Bluesig, feurig, wundervoll
von Oliver van Essenberg
Dass der Auftritt des
Gitarristen Bireli Lagrene Weltklasse werden würde,
war eine ausgemachte Sache. Das
Lagrene Trio, das der Jazzclub in das Welcome-Hotel an der Regnitz geholt hatte,
hielt allen Erwartungen Stand
und zündete ein musikalisches Feuerwerk.
Schon Lagrene allein konnte das Publikum derart mitreißen, wie es nicht vielen
Jazzgitarristen dieser Welt gelingen
dürfte. Wie brillant dieser Mann ist, kam am besten in einem Solo zum Ausdruck,
das Lagrene ganz ohne seine
Begleitung, Jermaine Landsberger an der
Hammond-Orgel und Dejan Terzic am Schlagzeug,
spielte: ein Funken
sprühender, jubilierender Ausbruch. Temperamentvoll? Überschäumend!
Einfallsreich? Genialisch!
Lagrene, dessen erste und längste Liebe die Gitarre ist. Lagrene, der
Zigeunerprinz und das Wunderkind, das mit
13 Jahren seine erste Platte, eine Hommage an Django Reinhardt, einspielte, hat
nach gut 20-jähriger Konzert-
tätigkeit einen Gipfel seines Schaffens erreicht: einerseits schon erfahren,
routiniert, andererseits voller Neugier
und beinahe noch mit jugendlichem Schwung. Entsprechend das Repertoire: eine
Auswahl an schönen Standards,
darunter das wunderbar beseelte „All of me“, „Sunny“ und eine Frank
Sinatra-Referenz wechselten sich mit lang-
samen Blues-Stücken und feurigen Be-Bop-Improvisationen ab. Atemberaubend
schnell und harmoniesicher ließ
Lagrene die Finger über die Saiten laufen, kongenial begleitet von Dejan Terzic
an den Drums, der mit hart swing-
enden und aufwühlenden Rhythmen die Vitalität der Kompositionen unterstrich.
Hätte die Hammond-Orgel weniger
verwaschen bzw. etwas satter geklungen, wäre die Begeisterung des Publikums noch
größer gewesen. Landsber-
gers Soli klangen – wohl auch aufgrund der räumlichen Akustik - vor allem in den
hohen Passagen schwammig und
fielen daher gegen Lagrenes scharfe Soli an der Jazzgitarre merklich ab.
In den allermeisten Momenten jedoch mischten sich die Instrumente in
ausgesprochen angenehmer, warmer Weise.
Ruhige, geduldig vorgetragene Stücke mit langsamen Steigerungen und dunklere,
bluesgesättigte Kompositionen
bildeten einen interessanten Kontrast zu den Momenten, die vor Virtuosität nur
so strotzten. Die goldene Mitte
trafen die Musiker mit einem dezentem Gipsy-Jazz-Ausflug, der ein weiteres
Highlight dieses Abends, reich an
glanzvollen Eindrücken, bildete. Bei diesem Konzert zählten so gut wie alle zu
Gewinnern.
Zur Sonne drängt doch alles
von Oliver van Essenberg
Der Flötist
Charles Davis ist ein Genußmensch. Das wird nach dem jüngsten Konzert im Jazzkeller, bei dem der ge-
bürtige Australier von einem Gitarristen und einem Kontrabassisten begleitet
wurde, kaum jemand bestreiten.
„Captured Moments“, so der Titel seines Programms, klingt wie eine Verheißung.
Nicht unbedingt von einer besseren
Welt, wohl aber von einem schöneren Leben, das sich jeder selbst erträumen kann.
Den Soundtrack dazu könnten
Davis‘ Lieblingsplatten liefern, zu denen er seine Lieblingsweinen trinkt.
Sich in eine mediterrane Landschaft hineinzuversetzen, fällt bei Davis‘
Musikabfolge nicht schwer. Irgendwo zwischen
Verona und Valpolicella war der mentale und geographische Entstehungsort eines
Stückes anzusiedeln, das im Jazz-
keller zum Besten gab und das für die Schöner-Leben-Ästhetik als durchaus
typisch gelten konnte: leichtfüßige
Rhythmen und luftig-leichte Flötenmelodien schufen eine liebliche, liebliche
Atmosphäre. Mediterrane Klangfarben
bildeten den kleinsten gemeinsamen Nenner der Kompositionen, selbst dort, wo das
Trio mit unterschiedlichen Ein-
flüssen arabischer, indischer und slawischer Herkunft spielte. Geschichtlich
betrachtet war dieses Konzert reichlich
anachronistisch. Was Davis gemeinsam mit Sven Götz (Gitarre) und Ahmet Yüzen
(Kontrabass) interpretierte, klang,
als hätte sich die Musik in den letzten 30 Jahren nicht gewandelt. Das Trio
verbreitete in so gut wie jedem Moment
Sixties-Charme. Das konnte freilich hochmodern sein. So erzeugten die Musiker in
einem indisch gefärbten „Raga“,
mit gedehnten Elektronik-Samples statt Sitar und extrem knappen rhythmischen
Gitarren-Schnalzern, auch ohne
Schlagzeug dominante Grooves, die in Sachen Tanzbarkeit nichts zu wünschen
übrigen ließen.Andererseits übten
die Arrangements gerade in den langsamen Stücken einen derart bezwingenden
Appell aus, sich hinzulegen und zu
entspannen, dass das Konzert teilweise ermüdend wirken konnte, zumindest in den
ersten Stücken. Denn nach und
nach legte das Trio, getragen von Davis‘ vielfältiger Flötenauswahl, eine
erstaunliche Bandbreite an Stimmungsbil-
dern an den Tag. Ein idyllisches Konzert - nie süßlich, aber auch nie
außergewöhnlich, sondern einfach nur schön.
Wanderer im Zwischenraum
von Oliver van Essenberg
Wer ein aussagekräftiges Dokument für
Globalisierung braucht, findet in der Kunst, genauer gesagt: in multikulturellen
Musikstilen, reichhaltiges Material. Das Yuko Gulda
Duo, das am
Samstagabend in der Villa Dessauer gastierte, zeigte,
wie sich verschiedene Traditionen kreativ verbinden lassen, ohne die
Unterschiede zu verwässern.
Ob der Veranstaltungsort Villa Dessauer an diesem Abend die bessere Wahl
gegenüber dem Jazzkeller war, lässt sich nicht
klar sagen. Ein Vorteil für die Veranstalter war die Ausstattung des Städtischen
Museums mit einem Konzertflügel, auf dem
Gulda spielen sollte. Die Besucher hatten ihrerseits Möglichkeit, die
ausdrucksstarken Fotografien von Werner Kohn zu be-
sichtigen, die derzeit dort noch ausgestellt sind. Hinderlich wirkte sich
dagegen die Aufteilung des Konzerts auf drei Räume
aus: Die Musiker spielten im mittleren, der Straße zugewandten Eckraum, in einem
Durchgangszimmer. Das Publikum teilte
sich vor den Musikern und in den beiden angrenzenden Räumen auf.
Der optisch unbefriedigende Aufbau tat dem musikalischen Zusammenspiel freilich
keinen großen Abbruch. Gulda machte
ihrem Namen alle Ehre und erwies sich als souveräne Grenzgängerin zwischen West
und Ost. Swingender Jazz war, vom
Auftakt im ersten und zweiten Set abgesehen, die Ausnahme. Das Wiener Duo mit
der Pianistin Gulda und dem Flötisten
Dieter Strehly adaptierte japanische Klassiker, japanische zeitgenössische
Musik, Klassik der europäischen Romantik und
schließlich auch ein wenigen klassischen Jazz, so vor allem wenn Strehly statt
zur japanischen Bambusflöte zum Sopran-
saxophon griff.
Die Musiker wurden dem anspruchsvollen Konzept in so gut wie allen Momenten
gerecht. Nur die jazzigen Exkurse am
Saxophon brachten einen kleinen Bruch in das ansonsten äußerst homogene Bild.
Gulda gelang eine anmutige Synthese
aus gemäßigter Harmonik, gegenläufigen disharmonischen Akkorden und
verschachtelten Rhythmusgefügen. Gegenüber
den teils weich fließenden, teils aufwühlenden Klangteppichen trat Strehly als
gewandter Solist hervor: in den ruhigen
Stücken mit lange anhaltenden, meditativen Tonfolgen, aber feinsten melodischen
Veränderungen, in den pfeffrigen
Passagen mit aufschnellenden, kantigen Zügen. Ein sehr gelungenes Konzert:
ausgetrickst, kunstvoll, ausgereift.
Freundschaftliches Miteinander
von Oliver van Essenberg
Traditionalisten waren mit dem Konzert des
Berliner Quintetts „The toughest Tenors“ im Jazzkeller gut bedient. Zwei Sets
voller Bebop- und Blues-Standards schufen eine warme Atmosphäre. Ein angenehmes
Programm mit Stücken von Dexter
Gordon, Wardell Gray, Johnny Griffin und anderen glorreichen Jazzern hatte die
Combo auf die Beine gestellt. Bernd Suchland
und Max Hacker wechselten sich als Solostimmen mit dem Saxophon ab, spielten
harmonisch miteinander, bildeten zuweilen
aber auch ein reizvolles Gegensatzpaar. Zu einem „Saxophon-Battle“, wie in der
Ankündigung zu lesen war, kam es dabei
freilich nicht. Jene Auftritte, bei denen sich vornehmlich schwarze Musiker zu
immer größeren Höchstleistungen anspornten,
hatten einst den Zweck, sich von der marktdurchdringenden Swingmusik
abzugrenzen. An entsprechende „Schlachten“ der
50er und 60er Jahre erinnerte am Samstagabend bestenfalls die Besetzung, die
Ausführung indes kaum.
In der Tradition der Hard- und Bebop-Formationen bot das Quintett einen
vielfarbigen Reigen mit soliden Soloauftritten.
Bestimmende, drängende, druckvolle Tenorstimmen waren angesagt. Während diesen
Part die beiden Saxophonisten über-
zeugend ausfüllten, betteten Sebastian Wittstock am Klavier und Marc Müllbauer
am Bass die Arrangements mit weich
fließenden Klangbildern ein. Zu schroffen Ausbrüchen, die bei einer
musikalischen „Schlacht“ zu erwarten sind, neigte Schlag-
zeuger Ralf Ruh, der solo die Sticks ungestüm herumwirbelte und expressive
Höhepunkte setzte.
Vergleichbares fehlte im Spiel der Bläser. Die Darbietung stand tatsächlich mehr
im Zeichen des gut organisierten, freundschaft-
lichen Miteinanders. Das ist selbstverständlich nicht das Schlechteste, etwas
mehr Wagemut hätte allerdings auch nicht ge-
schadet. Statt dessen wurde das Publikum mit swingender und warmer, melodischer
Intonation versöhnt. Aufregend mögen
die stilistisch recht einheitlichen Programmteile nicht gewesen sein.
Spannungslos waren sie deshalb nicht. Das bewahrheitete
sich einmal mehr in den Bluesballaden. Das Quintett machte auch in den
erzlangsamen Passagen keinen schlappen, sondern
einen lebendigen Eindruck.
|
Symphonie unter der Sandstraße
von
Oliver van Essenberg |
Don Furiosus Glanzleistung
von Oliver van Essenberg
Einem bewährten Brauch folgend startete der Bamberger Jazzkeller mit
Lokalmatadoren ins neue Jahr. Tex
Döring, der seit 40 Jahren als Pianist aktiv
ist, machte dem Publikum ein besonderes Geschenk. Mit ihm stand
am Freitagabend
die Saxophongröße Don Menza auf der Bühne.
Der
gebürtige US-Amerikaner spielte als GI in
Deutschland bereits vor rund 50 Jahren
in einer legendären Formation mit Don Ellis und Cedar Walton. In den
60er Jahren
gehörte er zum Inventar des Max Greger TV-Ensembles. Viele
von der Kritik begeistert aufgenom-
mene Arrangements folgten. Es ist nicht nötig,
die Reihe der Beispiele fortzusetzen, da sonst der Eindruck ent-
stehen könnte,
Don Menzas Verdienste seien inzwischen längst Vergangenheit. Sicher
sind sie das zum Teil
auch, doch sein Auftritt strahlt auch mit fast 70 Jahren
noch überschäumende Energie und Spielfreude aus.
Zwar gehört er aufgrund seiner
Referenzen nicht zu den ganz großen Stars. Weltklasse wird der Hörer ihm
aller-
dings schon bescheinigen dürfen.
Der
Vergleich mit dem Tenorsaxophonisten Sonny Rollins ist Legion, und trifft im
Fall Menzas voll und ganz zu.
In den hart swingenden Passagen wähnt man einen
Drillbohrer am Werk. Souverän beherrscht Menza die Zirku-
lartechnik, die es ihm
ermöglicht, die Luft aus- und einzupressen, ohne dazwischen absetzen zu müssen,
so
dass die Dynamik der Tonabfolgen bis auf das Äußerste ausgereizt werden kann. Ein
buntes Repertoire hatte
sich das Quartett für den Auftritt im quasi
ausverkauften Jazzkeller ausgesucht. Stücke von Charlie Parker und
Django
Reinhardt, Standards („All of me“) und Unbekanntes, Cool- Jazz, Be- und Hard-Bop
– all das, was zum
anspruchsvollen Kernbestand gehört. Menza spielte
dementsprechend minutenlange Soli mit so viel Drive und
Geschick, dass das
Konzert an keiner Stelle ermüdend wirkte. Neben
voluminösen Hard-Bop-Einlagen kann er
die Töne luftig dahinfliegen lassen und
lyrisch verspielte Interpretationen zum Besten geben. Auch wenn er nur
ein
Instrument bearbeitet, scheint in vielfältigen Nuancen stets der
Multiinstrumentalist durch, der Klarinette,
Trompete und Saxophon gleichermaßen
gut handhabt.
Klar,
dass der Mann an diesem Abend ganz im Vordergrund stehen sollte. Seine Kollegen
Tex Döring (Klavier),
General Hartlieb (Kontrabass) und Uli Thielmann
(Schlagzeug) bereiteten dafür, mit sehr solidem Zusammenspiel,
den Boden.
Wunderbar.