Presse 2005

 

10. 12. 2005                   Peter O' Mara                

26. 11. 2005                   Brüning - Petrowsky     

18. 11. 2005                   Jeff Siegel                         

12. 11. 2005                   Tex Döring (Memorabilien)         

11. 11. 2005                   Nils Wülker                        

05. 11. 2005                   Milan Svoboda                  

08. 10. 2005                   Florian Poser                     

30. 09. 2005                   Köhnlein Trio                     

24. 09. 2005                   Underkarl                          

13. 05. 2005                  Schlesinger/ Lackerschmid

09. 04. 2005                   Jiri Stivin                             

19. 03. 2005                  Stephan-Max Wirth           

12. 03.                             Bireli Lagrene                    
 
26. 02. 2005                  Charles Davis                     

12. 02. 2005                   Yuko Gulda                       

05. 02. 2005                  Toughest Tenors              

22. 01. 2005                   Nils Wogram                     

08. 01. 2005                   Tex Döring/ Don Menza 

 

 

 

 

 

 

 

Mit solidem Profil 

von Oliver van Essenberg

Ein Jahr liegt Peter O‘ Maras erster Auftritt im Jazzkeller zurück. Gemessen an dieser Formation wird den Besuchern
die aktuelle Besetzung, mit der der Gitarrist am Freitag auftrat, weniger glücklich in Erinnerung bleiben. Das jüngste
Quartett zeigte kein sehr eigenständiges, jedoch ein recht solides Profil. Im Peter O‘ Mara Quartett trafen unterschied-
liche Erfahrungshorizonte aufeinander, die nicht immer zu einer stimmigen Einheit verschmolzen: Peter O‘ Mara,
der routinierte, ausgefuchste Gitarrist, der durch Vielseitigkeit und Freude am Detail beeindruckt, wurde von Matthias
Pichler am Bass und Christian Kronreif am Saxophon, zwei ambitionierten, aber im Vergleich deutlich ausdrucks-
schwächeren Instrumentalisten, begleitet. So lange die Musiker sich auf den anderen einstellten, sich in die Komposi-
tionen hineinwühlten, was in weiten Teilen auch der Fall war, lief der Abend rund. Fast genau so oft aber standen die
Arrangements unvermittelt nebeneinander, wurde hier ein Hardbop-Solo eingelegt, dort ein wenig Freeform-Jazz ein-
gestreut, und das bemühte Zusammenspiel nahm seinen Lauf.
Auch Schlagzeuger Jochen Rückert, der zusammen mit Nils Wogram im Jazzkeller bereits für knisternde Atmosphäre
sorgte, spielte sehr nuancenreich, lag beim Einsatz jedoch so oft daneben, dass der Eindruck der Zerstreutheit
offenbar wurde. Auch Peter O‘ Mara, der es wunderbar versteht, Rock und Jazz subtil zu vereinen, blieb angesichts
dieser Bedingungen unter seinen Möglichkeiten. Peter O’ Mara war es denn aber auch, der in den eingängigen Stücken,
in den alle Bandmitglieder harmonierten, das Konzert immer wieder zu einem Genuss machte, und zwar nicht durch Atem
beraubende Wiedergabe des längst Bekannten, sondern mit einer durchdachten, in alle Richtungen offenen Spielweise,
stets für überraschende Wendungen gut.

FT vom 12. 12. 2005                                                                                                                                         

 

 

 

 

 

 

 

 

Süße Verwirrung  

von Oliver van Essenberg

Die Situation kennt man: Musiker kommen in den Jazzclub, an die hohe Erwartungen hinsichtlich Publikums-
zuspruch geknüpft werden, und dann spielen sie vor leeren Reihen. Nicht anders erging es am Samstagabend
Uschi Brüning und Ernst Ludwig Petrowsky. Nicht dass mangelnde Popularität schon ein Qualitätsausweis ist –
traurig, wenn dem so wäre. Aber wenn es um beliebte Musikstile geht, verhält sich das Publikum im Großen und
Ganzen extrem konservativ, harmoniesüchtig. Niemand, auch nicht der Kritiker, kann es den Hörern verdenken,
wenn man sich lieber den alten Weisen zuwendet statt überspannten Avantgardismen. Der Hinweis auf die seit
Jahrhunderten eingespielten Hörgewohnheiten erklärt nur, weshalb im radikalen Sinn progressive Musikstile hart-
näckig auf taube Ohren stoßen. Dabei hat Uschi Brüning, die in der ehemaligen DDR erst als Schlagersängerin
mit Pop und Jazz-Hits Erfolge feierte und Anfang der 80er Jahre mit Ernst Ludwig Petrowsky die Bühnen un-
sicher machte, wie ihr Kompagnon auch inzwischen selbst Geschichte geschrieben. Entstanden ist so ein Pro-
gramm mit zahlreichen musikgeschichtlichen Referenzen, eigenwillige Interpretationen wahrer Welthits wie dem
altehrwürdigen „Makin‘ Whoopee“, dem melancholischen „My Funny Valentine“, dem nachdenklichen „Fool
on the Hill“ und dem zartbesaiteten „Nature Boy“. In minimalistischer Besetzung, unterstützt von Saxophon
 und Flöten, entfalteten die Stücke Intensität auf zurückhaltende Weise, durch ebenso abwegige wie beharrliche
Ausführung. Die lyrischen Ausflüge bereicherte Petrowsky um skurrile Anekdoten und abstrakt versponnene Impro-
visationen, Anleihen an den Hardbop-Künstler Horace Silver und die Free Jazz-Ikone Ornette Coleman. Von der herben
Schönheit der Gesangsstücke führten sie hinein in den milden Wahnsinn fragmentarischer, expressiver Lautmalereien,
hinauf in irrsinnig hohe Register und hinab zu dunkel raunenden Wort-Klang-Gebilden. Eine babylonische Sprachenver-
wirrung. Anstrengend, interessant und mit Ausweg: ins Freie.

FT v. 28. 11. 2005                                                                                                                                              

 

 

 

 

 

 

 

 

Die kosmischen Kuriere   

von Oliver van Essenberg

Es ist schon wahr: New York ist ein Hot Spot ambitionierter Jazz-Musiker. Enttäuscht hat auch im Bamberger Jazz-
keller bislang noch keine Formation der Mega-Stadt. Das Jeff Siegel Quartett, das am Freitagabend zu Gast war,
setzte bewährte Beziehungen fort und überraschte zum Teil mit aufregenden Kompositionen. Bandleader und
Drummer Jeff Siegel absolvierte bereits den dritten Auftritt im Clublokal. Manche Besucher kennen ihn aus anderen
Formationen als zurückhaltenden, aber finessenreichen Schlagzeuger. Und in der Tat: Er hat aus dem Instrument in
seiner leisen, unaufdringlichen Art mehr gemacht als ein bloßes Rhythmusgerät. Jeff Siegels Drumming baut ganz
leichtfüßig ein raffiniertes Klanggefüge mit beinahe melodischer Qualität auf.
In dem Kontrabassisten Danton Boller, der wie die anderen Bandmitglieder auch zum ersten Mal im Jazzkeller weilte,
stand ihm ein kongenialen Partner zur Seite. Denn die Kompositionen Siegels haben einiges mit weiten Räumen
in teils dunklen, teils vielfarbig schillernden Tupfern gemeinsam – sie sind „Magic Spaces“, wie es der Titel der neuen, im
Jazzkeller präsentierten CD andeutet. Dazu trug nicht zuletzt die Pianistin Francesca Tanksley einen großen Teil bei. Sie
versteht es, die Töne anmutig, grazil, wie auf einer Perlenkette, aneinanderzureihen, Spannungskurven aufzubauen und
sie mit überraschenden Richtungsänderungen, plötzlichen Verschiebungen im metrischen Gefüge zu steigern. Kaum eigen-
ständiges Profil gewann indes die Tenorsaxophonistin Erica Lindsay. Sowohl melodisch als auch spieltechnisch bot sie einen
soliden, aber etwas blassen Eindruck. Es war ein starker Abend für die besagten Solisten und ungewöhnliche Duo-Kombi-
nationen, allen voran zwischen Klavier und Schlagzeug sowie Schlagzeug und Bass. Wenn alle vier Musiker gemeinsam
agierten, verlor sich schnell der Charme. Um so schöner entfaltet er sich aber in den vielen sparsam instrumentierten, luftigen,
meditativen Ausflügen.

FT v. 22. 11. 2005                                                                                                                                                    

 

 

 

 

 

 

 

Von einer Keimzelle des Bamberger Jazz  

 von Oliver van Essenberg 

Wer von Jazz in Bamberg spricht, kommt um Tex Döring nicht herum. Tex Döring, der am Samstagabend im Jazzkeller
selbst über Jazz in Bamberg sprach, ist als wandelndes Geschichtsbuch eine Instanz. Für sich hat Tex Döring aus
seiner Herzensangelegenheit das Beste gemacht, was einem Musikfreund passieren kann. Vom Vater mit Jazzplatten
versorgt, entdeckte er früh sein Interesse für das, was „ganz anders klang als die Sachen, die sonst zu hören waren.
“ Meistens mittendrin im Geschehen, war er auch beim ersten öffentlichen Jazzkonzert, 9. November 1960, im Cafe
Jäger selbst am Klavier dabei. Im professionellen Musikgeschäft blieb er indes, wie viele, eine Randfigur, und zwar nicht
nur, weil er sich vom Kommerz verabschiedete, sondern vor allem deshalb, weil er hauptberuflich, als Gymnasiallehrer für
Chemie, Biologie und Erdkunde, einen anderen Weg einschlagen sollte. Ein Leben mit Musik, ohne professionelle (De-)
Formation, dafür als echtes Unikum.
Was Tex, Jahrgang 38, in der Sammlung Döring an Memorabilien zusammengetragen hat, macht das Kernstück der Bamber-
ger Jazz-Geschichte aus. Aus ihr schöpfte er an diesem Abend, dem vor allem Eingeweihte bewohnten, Interessantes
und Unterhaltsames zur Vorgeschichte des Jazz in Bamberg. Frühe Anfänge datieren auf das Jahr 1926, der Gründung der
„Schützen-Kapelle“, unter anderem durch Tex Dörings Vater. Fesch gekleidet waren die Musiker schon damals. Anzug und
Krawatte gehörten dann auch in den 50er Jahren zum Erscheinungsbild. Es waren lange Jahre mit vielen technischen und
politisch bedingten Einschränkungen. Wer in Ami-Clubs etwas anderes als Schlager hören wollte, amateurhaften Jazz
oder auch furchtbaren Hillybilly, brauchte einen Musikerausweis. 1958 brachte für Tex und die Seinen die Wende. Sie
erhielten einen Musikerausweis und schon bald einen Monatsvertrag für erste Gigs.
Die Auftritte in vielen, heute verblassten Stätten, in denen damals, nicht öffentlich, neben Schlagern auch gejazzt wurde -
der Ruderclub, das Elefantenhaus, das La Paloma und die eigentliche Keimzelle, das Cafe Jäger – boten hervorragende
Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, Noten zu erhalten, Tortenstücke abzusahnen oder auch, wie bei einer zufälligen, un-
gewollten Begegnung von Tex, im Hinterzimmer plötzlich mit vier nackten Frauen, Stripperinnen, zusammenzutreffen. Auf-
regende Tage begannen. Die Musik wandelte sich vom Swing zum Be Bop. Im nahen Nürnberg (Messehalle) konnte man in
nur einem Jahr, 1960, jeweils für ein paar Mark die Jazz-Helden der Zeit hören – Miles Davis, John Coltrane, Lee Morgan,
Wayne Shorter, Oscar Peterson, Stan Getz, Ella Fitzgerald. Die Zeit war reif für das erste Bamberger Jazzkonzert mit Einhei-
mischen.
Wie es weiterging, wird Tex Döring auf gewohnt lockere Art bei weiteren Plauderabenden erzählen. Davon mehr im nächsten
Jahr.

FT v. 14. 11. 2005                                                                                                                                                             

 

 

 

 

 

 

 

 

Unter der Mitternachtssonne 

von Oliver van Essenberg

Nils Wülker hat seinen Weg in den Jazzkeller und in die Köpfe der Hörer in einer Weise gefunden, die ihn selbst
überraschte. Der Trompeter, der noch als Student ausschließlich für Klassik lebte und mit der Space Night, auch
in Bamberg, seinen Aufstieg feierte, ist zu einem respektablen Vertreter schicker Jazz-Musik gereift. Zwei Ziel-
gruppen hätte seine Auftragsarbeit für die Space Night im Nachtprogramm des Bayerischen Fernsehens besonders
angesprochen, so Wülkers: Studenten und ältere Semester ab dem 50. Lebensjahr. Nicht ganz so zweigeteilt,
aber immerhin recht bunt setzte sich das Publikum im Jazzkeller zusammen, in dem am Freitagabend zeitweilig sogar
der Platz auf der Treppe besetzt wurde. Viel zu sehen ist ja auch nicht wichtig in einem Programm, das sich den we-
sentlichen Dingen der späten Abendstunden und Mitternachtslaunen verschrieben hat. In geraffter Form enthielt es
Höhen, Tiefen und Untiefen einer Jazzclub-Nacht. Feel good, let it flow and chill out. Nils Wülker spielt den passenden
Soundtrack zum urbanen, weltläufigen Lebensstil. Mehrstimmige und eingängige Melodien, denen man sich in die Arme
werfen möchte, Jazz-Pop-Cocktails mit ein wenig Zucker, melancholische Sphärengesänge.
Durchweg überzeugend, ideenreich und ohne Durchhänger präsentierte Wülker an diesem Abend die neue CD „My Game“,
die schon im Titel andeutet, was sich die Band um den 1977 geborenen Musiker zum Prinzip machen möchte: spielerisch
elegante Eigenkompositionen, ohne den störenden Einfluss eines aufgeblasenen Management-Apparats. Pate stehen der
coole Miles Davis und natürlich der funkige Herbie Hancock. Gemischt mit Ambient-Einflüssen ergeben sich daraus weiche,
sympathische Arrangements, die Spaß machen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein gut eingespieltes Quartett: von
Dietmar Fuhr, der in den Balladen dem Kontrabass schwelgerische Momente abgewann, über den stets entspannt grooven-
den Lars Duppler, der zwischen Piano und Fender Rhodes wechselte, bis zum druckvollen Schlagzeuger Jens Dohle. Neben
Nils Wülker spielte vor allem der Saxophonist, Jan von Kleewitz, solistische Stärken aus. Auch wenn den Kompositionen
das Zeug zum singulären Ereignis fehlt, darf man gespannt sein, was kommt.

FT v. 16. 11. 2005                                                                                                                                                       

 

 

 

 

 

 

 

Hinwendung zu den Funken 

 von Oliver van Essenberg 

Mit dem Milan Svoboda Quartett aus Prag kamen am Samstagabend kein ganz Unbekannten in den Jazzkeller. Band-
leader und Pianist Milan Svoboda stand vor vier Jahren schon einmal auf der Bühne und bürgte auch diesmal für hohe
Qualität. Mit Jazz aus Prag hat es, wie mit Jazz aus ehemaligen Ostblockländern überhaupt, eine besondere Bewandtnis.
Jazz war in der breiten Öffentlichkeit eigentlich die einzige Musik für Langhaarige und ist in der Abwandlung als Jazz-
Rock bis heute vital geblieben, während hierzulande, schon seit einem guten Jahrzehnt, eher Post-Rock-Gruppierungen
angesagt sind. Spielarten des Jazz, wie er in den 50er bis 70er Jahren prägend war, wurden also auch in Prag relativ
unbekümmert fortgesetzt. Anklänge daran waren beim Milan Svoboda Quartett hörbar. Allerdings beschränkten sie
sich, anders als noch vor einigen Jahren, auf ganz wenige Passagen. Geradlinig legten die Bandmitglieder los, zunächst
ohne beachtliche stilistische Raffinessen. Sowohl Milan Krajic am Tenor- bzw. Sopransaxophon als auch Svoboda am
Piano spielten sich leidenschaftslos durch relativ glatte Arrangements. Ein paar rhythmische Kapriolen hier, ein paar
verschleppte Akkorde dort. Zwischendurch kleine, zündende Ideen.
Krajic und E-Bassist Filip Spaleny improvisierten in langen Soloausflügen – aber wozu? Ohne interessantes Thema,
ohne ausgeprägt melodische Elemente. Kein Wunder, dass der Funke, auch beim Publikum, zunächst nicht übersprang.
Spätestens aber gegen Ende des ersten Sets drehte das Quartett auf und Svoboda schüttelte nun immer öfter die
Trümpfe aus dem Ärmel. Und mit was für eine Verve konnte der Bandleader spielen! Während er mit der linken
Hand gleichmäßig auf und ab kreiste und dabei die harmonische Grundstruktur festhielt, flog die rechte Hand
zuckend über die Tasten und warf die quirligsten Klangkaskaden hin, die im Jazzkeller seit langem – jemals? - zu
hören waren. In den nun immer häufiger werdenden Soli und besonders in langen, ausgesprochen schönen Klavier-
Jazz-Suiten entfaltete Svoboda sein ganzes Talent als Tastenvirtuose, und die Kollegen zogen nach. Am Ende konnten
alle, Publikum und Band, mehr als zufrieden sein.

Fränkischer Tag v. 7. 11. 2005                                                                                                                                    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebensfreude am Vibrieren

von Oliver van Essenberg

Der Jazzkeller hat am Samstagabend seinen Ruf als vielleicht interessantester musikalischer Spielort der Region, jenseits
klassischer Klangkultur, aufs Neue bestätigt. Florian Posers Brazilian Experience bot raffinierten Latin-Jazz in Hülle und Fülle.
Latin bleibt jung und verjüngt die Hörer. Mit modernistischen Ablegern wie Nu Jazz, Chillout, Lounge usw. hat Florian
Posers Band um den Vibraphonisten Poser und den Trompeter Gustavo Bergalli nur am Rande zu schaffen. Bei der Brazilian
Experience werden keine Jazzsoli durch mehr oder weniger stampfende Beats gedreht. Was die fünfköpfige Formation an
Klangfarben und Arrangements ausgetüftelt hat, ist so funkig groovend und solistisch virtuos gespielt, dass von einem
Ableger gar nicht erst die Rede sein kann. Dabei hat das Quintett den traditionellen Latin Jazz durchaus für moderne Ein-
flüsse geöffnet.
Die Brazilian Experience besticht durch einen ausgeprägten Sinn für Dynamik und Lebensfreude. Statt federnder Salsa-
Ryhtmen oder karnevalistischem Trommelfeuer setzt der brasilianische Meister-Drummer Portinho auf wendige, schnittige
Rhythmussektionen. Als Solist ist er gleichermaßen überzeugend wie als Begleiter, fügt sich geschmeidig in den Spielfluss
ein und hebt sich mit funkigen Breaks ab. Auch die anderen Musiker haben das, was eine Band ganz entscheidend braucht:
den Flow, und die Fähigkeit, den Fluss zu halten, ihn auch bei komplexen Rhythmuswechseln durchlaufen zu lassen und
selbst dann noch harmonisch zu interagieren, wenn jeder in der Gruppe wie ein Solist auftritt.
Pianist Klaus Müller hielt sich eher zurück, mischte sich jedoch harmonisch in das Arrangement ein. Ähnlich der brasi-
lianische E-Bassist Itaiguara, der mit melodischen Klangfarben das Spiel durchwärmte. Dem aus Buenos Aires stam-
menden Trompeter Gustavo Bergalli war es schließlich vorbehalten, eine betont moderne, gebrochene Phrasierung anzu-
stimmen. In den stärksten Momenten gelangte das Wechselspiel in der Tat zum Vibrieren. Und welches Instrument
wäre besser geeignet, all die unterschiedlichen Strömungen mit den vielfach sich überkreuzenden Haupt- und Nebenbah-
nen aufzugreifen und auf den Punkt zu bringen, wenn nicht das Vibraphon? Wunderbar schwebte es in Posers Spiel über
allem.

FT v. 11. 10. 2005                                                                                                                                                       

 

 

 

 

 

Zwischen Anspannung und Befreiung  

von Oliver van Essenberg 

In klassischer Besetzung – Klavier, Bass, Schlagzeug -, aber ohne Standard-Repertoire trat das Dieter Köhnlein Trio
am Wochenende im Jazzkeller auf. In Eigenkompositionen griff der Bandleader Jazz-Spielarten zwischen Ballade, Blues
und Latin auf und gab ihnen einen betont europäische Note. Wohlgeformte Harmonien und druckvolle Rhythmen waren
Hauptbestandteile an diesem Abend. Dabei trug der Umstand, dass sämtliche Stücke von Köhnlein selbst komponiert
wurden, wesentlich zu einem dichten, homogenen Eindruck bei. Diese Musik schien um ein Zentrum zu kreisen:
ein durchdachtes Konzept, abstrakt genug, um so verschiedene Ausdrucksformen wie eine zärtlich hingehauchte
Ballade und einen zum Bersten gespannten Klangwirbel stimmig in ein Gesamtgefüge einzubinden.
Anspannung und Befreiung waren die beiden Pole, zwischen denen das Trio pendelte, wobei Köhnlein am
Klavier die Spannung mit zum Teil weit ausgreifenden, stakkatoartigen Mustern aufbaute, die auf der Tonleiter auf-
und abschwangen, sich clusterartig verdichteten und im Nu in sanfte Passagen übergehen konnten. Routiniert
wechselte das Trio zwischen den rhythmischen Strukturen nicht nur innerhalb der Stücke, sondern auch zwischen
den Arrangements selbst hin und her. Im Ganzen ist Köhnleins Musik eindeutig mehr Kreis als Fleck, mehr ge-
schwungene, punktierte Linie als unregelmäßiges Zick-Zack. Genau dadurch drohen die Handgriffe aber, so gut sie
ausgeführt sind, irgendwann mechanisch zu werden – eine Gefahr, der auch Köhnlein und seine Kollegen
(Kontrabass - Tobias Kalisch; Drums – Ray Kacznski) nicht entkamen. Im Gegenteil: Die Ästhetik wurde, mit der
Adaption eines Techno-Beats und eines knackigen Basslaufs, einmal sogar auf die Spitze getrieben; was in dieser
relativen freien Form recht originell war. Wie zum Ausgleich streute das Trio zudem launische, verspielte Stimmun-
gen dazwischen, so dass trotz manch trockener Momente für reichlich Abwechslung sicher gesorgt war.

FT v. 5. 10. 2005                                                                                                                                                

 

 

 

 

 

 

 

 

Symphonisches Mit- und Gegeneinander

von Oliver van Essenberg

Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, und so erfuhr das Publikum bei der Saisoneröffnung im Jazzkeller, wie spannend
das Aufeinandertreffen des Geradlinigen mit dem Schrägen verlaufen kann. Sebastian Gramms Jazzcombo Underkarl gelang
mit den Goldberg Variationen nach J. S. Bach eine Gratwanderung. Was Bach wohl davon gehalten hätte, dass fünf junge
Talente seine Musik eines Tages, unterstützt vom Beifall der Zuhörer, lustvoll konterkarieren? Halb so wild: An Bachs
Status wird vermutlich auch in den kommenden 100 Jahren nicht gerüttelt. Ein frischer, experimentierfreudiger Umgang
mit seinem Erbe ist, unter dem Gesichtspunkt einer befreienden Distanz vom alteuropäischen Übervater, mit einem hohen
Anspruch verbunden. Und dem hielt das Programm im Jazzkeller zweifellos Stand. Was die Formation aus Bach-
Werken gemacht hat, war gewagt, aber trotzdem verständlich.
So schön viele Bach-Interpretationen im Gefolge von Jacques Loussier klingen, so sehr bleiben sie meistens den Grundre-
chenarten, wohltemperierter Harmonie und exakten Rhythmusintervallen, verpflichtet. Bass und Schlagzeug geben den
Grundton vor und in den auf- und abschwingenden Obertönen wird das musikalische Thema solistisch variiert. Underkarl
haben ein komplexeres und stärker gebrochenes Arrangement entwickelt, in dem Konsonanz und Dissonanz, abrupte Wech-
sel und die rhythmischen Purzelbäume des Jazz ein stimmiges Ganzes bildeten. Dabei wurde der obligate Swing durch das
symphonische Mit- und Gegeneinander der Instrumente fast ganz an den Rand gedrängt. Eine Glanzstunde für die
Bläser. Posaunist Nils Wogram und Tenorsaxophonist Lömsch Lehmann bestimmten, im Wechsel zwischen barocker
Fülle und scharfen Soli, den Klang, wobei vor allem die Posaune den mehr oder weniger authentischen Bach-Sound
traf und Lehmann die exaltierten Ausbrüche zufielen. Ihnen zur Seite stand Gitarrist Frank Wingold, der besonders
die leisen Stücke um eine fragile Komponente bereicherte, und die beiden Band-Kollegen Dirk-Peter Kölsch (Drums)
sowie Sebstian Gramss, die das überaus gelungene Zusammenspiel eindrucksvoll unterstützten.

FT v. 28. 09. 2005                                                                                                                                                    

 

 

 

 

 

 

 

 

Meister & Schülerin   
 
 
 
von Oliver van Essenberg

Einen ganzen Abend mit ruhigen, langsamen Liedern zu gestalten, ist nicht jedermanns Sache. Die Sängerin Stefanie Schlesinger und der Vibraphonist Wolfgang Lackerschmid haben das Wagnis auf sich genommen und als Lo-Fi-Duett das Publikum im Bamberger Jazzkeller kaum enttäuscht. Ein paar langsame Stücke lassen sich mühelos in jedes Konzert integrieren, als Kontrast zu lebhaften Passagen, als Spannungsmoment. Schwieriger, wenn ein ruhiges Stück aufs nächste folgt. Trotz Konzentration auf Wesentliches ist ein höheres Maß an Gewandtheit gefragt. Das Können, einen Balladenabend zu meistern, hat Stefanie Schlesinger. 1977 geboren, besuchte sie in Bamberg das Gymnasium und schloss eine klassische Gesangsausbildung in Augsburg ab.
Im klassisch geschulten Stil liegt eine Stärke, aber auch eine gewisse Schwäche. Dahinter verbirgt sich ein generelles Ausdrucksproblem. Auch wenn sich Klassik nicht in ausgewogenen, gleichförmigen Klangbildern erschöpft, hat sich die Interpretation darauf versteift und dazu beigetragen, dass manches langweilig wirkt. Dem Problem konnte Schlesinger schon deshalb nicht entkommen, weil die reduzierte Besetzung – Gesang und Vibraphon – die Ausdrucksmöglichkeiten schmälert. Im Zusammenspiel mit dem Vibraphon wirkten so unterschiedliche Stücke wie „My funny Valentine“, „Estate“, „Angel Eyes“ und Standards aus dem „American Songbook“ schwebend, glockenzart – nicht direkt langweilig, aber auch nicht aufregend.
Dabei steckt in Schlesingers sanfter, mitunter dünner Stimme einiges Potenzial. Ihr Partner Wolfgang Lackerschmid könnte der Richtige sein, das Ausdrucksvermögen stärker zur Geltung zu bringen. Lackerschmid hat das Vibraphon und die vier Schlägel bestens im Griff. Rhythmus, Harmonie und Melodie fließen bei ihm wunderbar zusammen und erzeugen eine gelöste, schwerelose Atmosphäre. Vielfältig in den Nuancen, stimmig im Gesamteindruck – und auf gewisse Weise vorbildlich klassisch.

FT v. 17. 05. 2005                                                                                                                                                    
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seltene, geglückte Synthesen 

von Oliver van Essenberg

Großartiges und weniger Großartiges hielt sich bei dem letzten „Starkonzert“ dieser Saison im Jazzkeller die Waage.
Das Jiri Stivin Quartett glänzte mit dem hervorragend Flöten, Saxophon und Klarinette spielenden Altmeister Stivin
und bot neben viel Originellem recht konventionellen Jazzrock. Bereits zum zweiten Mal spielte die Flöte in diesem
Jahr eine Hauptrolle. Nach dem Konzert mit dem Australier Charles Davis, der die lieblichen Klangfarben des Instru-
ments voll ausspielte, kam mit dem Prager Multiinstrumentalisten Stivin zweifellos der prägnantere Solist zum Zug.
Der 1942 geborene Musiker gehört zu den seltenen Begabungen, die in verschiedenen Stilrichtungen tätig waren
und diese mehr als nur oberflächlich in ihr Repertoire aufgenommen haben. Osteuropäische, böhmische Folklore und
Jazzklassiker bilden Stivins Standbeine. Als Reminiszenz an die langhaarigen Weggefährten kommen Schlenker in den
Jazzrock hinzu.
Wer in Stivins Biographie wühlt, könnte noch viele Seitenwege mehr ausfindig machen: Studium bei einem Dozenten
für Alte Musik, Berührungen mit Avantgarde bzw. frühem Minimalismus im „Scratch Orchestra“ von Cornelius Cardew...
Kein Universalgenie, aber ein ewig Suchender, von Neugier getriebener Mann ist dieser Mann. Von seinem Können
konnte sich das Publikum im ausverkauften Jazzkeller ein Bild machen. An der Flöte läuft Stivin zur Hochform auf.
Die Intensität ist in jedem Augenblick spürbar und tritt gerade in den Zwischentönen und fein abschattierten Nuan-
cen zu Tage. Nicht auf glatte Perfektionierung kommt es Stivin dabei an. Was ihn als kreativen Musiker auszeichnet,
ist die Fähigkeit, überraschende Verbindungen zwischen scheinbar Unzusammenhängendem aufzudecken, wie in den
Bearbeitungen von Traditionals Swing mit Folklore harmoniert, wie in Jazzstandards („Summertime“, „Autumn leaves“,
„So what“) das Schwierige sich mit dem Einfachen verbrüdert.
Die Synthese gelang in etlichen Stücken. Mit fortschreitender Zeit aber schien dem Quartett, das unlängst die erste
gemeinsame CD („So what“) herausbrachte, die Puste auszugehen und die Musik glitt in eine Jam-Session mit gängigen
Jazz- und Funkrock-Elementen ab. Schlecht war das Konzert deswegen sicher nicht.

FT v. 12. 04. 2005                                                                                                                                      

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Klangvoller Flickenteppich in schillernden Farben 
 
von Oliver van Essenberg

Ein hochgelobtes Quartett machte am Samstag im Bamberger Jazzkeller Halt. Das Stephan-Max-Wirth-Ensemble mit der Pianistin Julia Hülsmann hatte viel Spaß an der Musik und sorgte in einem gut dreistündigen Auftritt auch im Publikum für gute, anspruchsvolle Unterhaltung. Während die Zuhörer im Hauptraum sichtlich die Musik genossen, machte sich im ebenfalls gut besuchten Thekenraum heiteres Geplauder breit – immer wieder ein untrügliches Zeichen für ein gelungenes, eingängiges Konzertereignis. Langweile konnte angesichts der stilistischen Vielfalt und Raffinesse der Band denn auch kaum aufkommen. Ein buntes Sammelsurium anregender und interessanter Klangfarben vermisch-ten die Musiker zu einem stimmigen Ganzen. „Illumination“, so der Titel der neuesten CD des Ensembles, schafft keine feierliche, würdevolle Erleuchtung. Die Illumination regt hier eher zu einem wissenden Schmunzeln an, wissend um die Relativität der musikalischen Mittel, um das kompositorische Geflecht, von dem die eigenen musikalischen Koordinaten mitbestimmt werden. Anspielungen auf Sixties und Seventies-Groove en masse: Vor Herbie Hancock und dem elektrifizierten Miles Davis, Isaac Hayes und vielen weiteren Referenzgrößen machte Julia Hülsmann am Fender Rhodes eine Verbeugung, interpretierte sie jedoch in eigener Weise: schräger, disharmonischer, in den ruhigen Passagen sehr zurückhaltend, introvertiert.
Tenorsaxophonist Stephan-Max-Wirth zog dementsprechend viele Register, entwickelte aber wie seine Bandkollegen auch einen eigenen Ton: klar, mit vielen hellen, spitzen Klangfarben, und bildete insofern einen angenehmen Gegenpol zum Kaleidoskop-Reigen des Fender-Rhodes, der auf Dauer etwas anstrengend gewesen wäre. Exotische Klangfarben brachten vor allem Schlagzeuger Marcel van Cleef und Bassist Stefan Weeke ins Spiel. Weeke konnte der Jazzgitarre harfenartige sanfte Klänge entlocken, wenn es die Musik gerade zuließ, jedoch auch schwer und energiegeladen auftreten. Nicht minder vielseitig der Schlagzeuger, dessen Repertoire sich vom geradlinigen Beat zum polyrhyth-mischen Trommelfeuer erstreckte, ein Solo an der balinesischen Steeldrum eingeschlossen.
Die Vielseitigkeit war eine Stärke der Band und, wie Kritiker munkeln könnten, in gewisser Weise auch eine kleine Schwäche, da am Ende doch ein Flickenteppich übrig blieb, allerdings kein grob gestrickter, sondern ein facetten-reicher, vielfarbig schillernd.

FT v. 21. 03. 2005                                                                                                                                                 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bluesig, feurig, wundervoll 

von Oliver van Essenberg

Dass der Auftritt des Gitarristen Bireli Lagrene Weltklasse werden würde, war eine ausgemachte Sache. Das
Lagrene Trio, das der Jazzclub in das Welcome-Hotel an der Regnitz geholt hatte, hielt allen Erwartungen Stand
und zündete ein musikalisches Feuerwerk.
Schon Lagrene allein konnte das Publikum derart mitreißen, wie es nicht vielen Jazzgitarristen dieser Welt gelingen
dürfte. Wie brillant dieser Mann ist, kam am besten in einem Solo zum Ausdruck, das Lagrene ganz ohne seine
Begleitung, Jermaine Landsberger an der Hammond-Orgel und Dejan Terzic am Schlagzeug, spielte: ein Funken
sprühender, jubilierender Ausbruch. Temperamentvoll? Überschäumend! Einfallsreich? Genialisch!
Lagrene, dessen erste und längste Liebe die Gitarre ist. Lagrene, der Zigeunerprinz und das Wunderkind, das mit
13 Jahren seine erste Platte, eine Hommage an Django Reinhardt, einspielte, hat nach gut 20-jähriger Konzert-
tätigkeit einen Gipfel seines Schaffens erreicht: einerseits schon erfahren, routiniert, andererseits voller Neugier
und beinahe noch mit jugendlichem Schwung. Entsprechend das Repertoire: eine Auswahl an schönen Standards,
darunter das wunderbar beseelte „All of me“, „Sunny“ und eine Frank Sinatra-Referenz wechselten sich mit lang-
samen Blues-Stücken und feurigen Be-Bop-Improvisationen ab. Atemberaubend schnell und harmoniesicher ließ
Lagrene die Finger über die Saiten laufen, kongenial begleitet von Dejan Terzic an den Drums, der mit hart swing-
enden und aufwühlenden Rhythmen die Vitalität der Kompositionen unterstrich. Hätte die Hammond-Orgel weniger
verwaschen bzw. etwas satter geklungen, wäre die Begeisterung des Publikums noch größer gewesen. Landsber-
gers Soli klangen – wohl auch aufgrund der räumlichen Akustik - vor allem in den hohen Passagen schwammig und
fielen daher gegen Lagrenes scharfe Soli an der Jazzgitarre merklich ab.
In den allermeisten Momenten jedoch mischten sich die Instrumente in ausgesprochen angenehmer, warmer Weise.
Ruhige, geduldig vorgetragene Stücke mit langsamen Steigerungen und dunklere, bluesgesättigte Kompositionen
bildeten einen interessanten Kontrast zu den Momenten, die vor Virtuosität nur so strotzten. Die goldene Mitte
trafen die Musiker mit einem dezentem Gipsy-Jazz-Ausflug, der ein weiteres Highlight dieses Abends, reich an
glanzvollen Eindrücken, bildete. Bei diesem Konzert zählten so gut wie alle zu Gewinnern.

FT v. 7. 3. 2005                                                                                                                                       

 

 

 

 

 

 

Zur Sonne drängt doch alles

 von Oliver van Essenberg

 

Der Flötist Charles Davis ist ein Genußmensch. Das wird nach dem jüngsten Konzert im Jazzkeller, bei dem der ge-
bürtige Australier von einem Gitarristen und einem Kontrabassisten begleitet wurde, kaum jemand bestreiten.
„Captured Moments“, so der Titel seines Programms, klingt wie eine Verheißung. Nicht unbedingt von einer besseren
Welt, wohl aber von einem schöneren Leben, das sich jeder selbst erträumen kann. Den Soundtrack dazu könnten
Davis‘ Lieblingsplatten liefern, zu denen er seine Lieblingsweinen trinkt.
Sich in eine mediterrane Landschaft hineinzuversetzen, fällt bei Davis‘ Musikabfolge nicht schwer. Irgendwo zwischen
Verona und Valpolicella war der mentale und geographische Entstehungsort eines Stückes anzusiedeln, das im Jazz-
keller zum Besten gab und das für die Schöner-Leben-Ästhetik als durchaus typisch gelten konnte: leichtfüßige
Rhythmen und luftig-leichte Flötenmelodien schufen eine liebliche, liebliche Atmosphäre. Mediterrane Klangfarben
bildeten den kleinsten gemeinsamen Nenner der Kompositionen, selbst dort, wo das Trio mit unterschiedlichen Ein-
flüssen arabischer, indischer und slawischer Herkunft spielte. Geschichtlich betrachtet war dieses Konzert reichlich
anachronistisch. Was Davis gemeinsam mit Sven Götz (Gitarre) und Ahmet Yüzen (Kontrabass) interpretierte, klang,
als hätte sich die Musik in den letzten 30 Jahren nicht gewandelt. Das Trio verbreitete in so gut wie jedem Moment
Sixties-Charme. Das konnte freilich hochmodern sein. So erzeugten die Musiker in einem indisch gefärbten „Raga“,
mit gedehnten Elektronik-Samples statt Sitar und extrem knappen rhythmischen Gitarren-Schnalzern, auch ohne
Schlagzeug dominante Grooves, die in Sachen Tanzbarkeit nichts zu wünschen übrigen ließen.Andererseits übten
die Arrangements gerade in den langsamen Stücken einen derart bezwingenden Appell aus, sich hinzulegen und zu
entspannen, dass das Konzert teilweise ermüdend wirken konnte, zumindest in den ersten Stücken. Denn nach und
nach legte das Trio, getragen von Davis‘ vielfältiger Flötenauswahl, eine erstaunliche Bandbreite an Stimmungsbil-
dern an den Tag. Ein idyllisches Konzert - nie süßlich, aber auch nie außergewöhnlich, sondern einfach nur schön.

FT v. 28. 02. 2005                                                                                                                                            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wanderer im Zwischenraum 

von Oliver van Essenberg

Wer ein aussagekräftiges Dokument für Globalisierung braucht, findet in der Kunst, genauer gesagt: in multikulturellen
 Musikstilen, reichhaltiges Material. Das Yuko Gulda Duo, das am Samstagabend in der Villa Dessauer gastierte, zeigte,
wie sich verschiedene Traditionen kreativ verbinden lassen, ohne die Unterschiede zu verwässern.
Ob der Veranstaltungsort Villa Dessauer an diesem Abend die bessere Wahl gegenüber dem Jazzkeller war, lässt sich nicht
klar sagen. Ein Vorteil für die Veranstalter war die Ausstattung des Städtischen Museums mit einem Konzertflügel, auf dem
Gulda spielen sollte. Die Besucher hatten ihrerseits Möglichkeit, die ausdrucksstarken Fotografien von Werner Kohn zu be-
sichtigen, die derzeit dort noch ausgestellt sind. Hinderlich wirkte sich dagegen die Aufteilung des Konzerts auf drei Räume
aus: Die Musiker spielten im mittleren, der Straße zugewandten Eckraum, in einem Durchgangszimmer. Das Publikum teilte
sich vor den Musikern und in den beiden angrenzenden Räumen auf.
Der optisch unbefriedigende Aufbau tat dem musikalischen Zusammenspiel freilich keinen großen Abbruch. Gulda machte
ihrem Namen alle Ehre und erwies sich als souveräne Grenzgängerin zwischen West und Ost. Swingender Jazz war, vom
Auftakt im ersten und zweiten Set abgesehen, die Ausnahme. Das Wiener Duo mit der Pianistin Gulda und dem Flötisten
Dieter Strehly adaptierte japanische Klassiker, japanische zeitgenössische Musik, Klassik der europäischen Romantik und
schließlich auch ein wenigen klassischen Jazz, so vor allem wenn Strehly statt zur japanischen Bambusflöte zum Sopran-
saxophon griff.
Die Musiker wurden dem anspruchsvollen Konzept in so gut wie allen Momenten gerecht. Nur die jazzigen Exkurse am
Saxophon brachten einen kleinen Bruch in das ansonsten äußerst homogene Bild. Gulda gelang eine anmutige Synthese
aus gemäßigter Harmonik, gegenläufigen disharmonischen Akkorden und verschachtelten Rhythmusgefügen. Gegenüber
den teils weich fließenden, teils aufwühlenden Klangteppichen trat Strehly als gewandter Solist hervor: in den ruhigen
Stücken mit lange anhaltenden, meditativen Tonfolgen, aber feinsten melodischen Veränderungen, in den pfeffrigen
Passagen mit aufschnellenden, kantigen Zügen. Ein sehr gelungenes Konzert: ausgetrickst, kunstvoll, ausgereift.

FT v. 14. 02. 2005                                                                                                                                            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freundschaftliches Miteinander 

von Oliver van Essenberg

Traditionalisten waren mit dem Konzert des Berliner Quintetts „The toughest Tenors“ im Jazzkeller gut bedient. Zwei Sets
voller Bebop- und Blues-Standards schufen eine warme Atmosphäre. Ein angenehmes Programm mit Stücken von Dexter
Gordon, Wardell Gray, Johnny Griffin und anderen glorreichen Jazzern hatte die Combo auf die Beine gestellt. Bernd Suchland
und Max Hacker wechselten sich als Solostimmen mit dem Saxophon ab, spielten harmonisch miteinander, bildeten zuweilen
aber auch ein reizvolles Gegensatzpaar. Zu einem „Saxophon-Battle“, wie in der Ankündigung zu lesen war, kam es dabei
freilich nicht. Jene Auftritte, bei denen sich vornehmlich schwarze Musiker zu immer größeren Höchstleistungen anspornten,
hatten einst den Zweck, sich von der marktdurchdringenden Swingmusik abzugrenzen. An entsprechende „Schlachten“ der
50er und 60er Jahre erinnerte am Samstagabend bestenfalls die Besetzung, die Ausführung indes kaum.
In der Tradition der Hard- und Bebop-Formationen bot das Quintett einen vielfarbigen Reigen mit soliden Soloauftritten.
Bestimmende, drängende, druckvolle Tenorstimmen waren angesagt. Während diesen Part die beiden Saxophonisten über-
zeugend ausfüllten, betteten Sebastian Wittstock am Klavier und Marc Müllbauer am Bass die Arrangements mit weich
fließenden Klangbildern ein. Zu schroffen Ausbrüchen, die bei einer musikalischen „Schlacht“ zu erwarten sind, neigte Schlag-
zeuger Ralf Ruh, der solo die Sticks ungestüm herumwirbelte und expressive Höhepunkte setzte.
Vergleichbares fehlte im Spiel der Bläser. Die Darbietung stand tatsächlich mehr im Zeichen des gut organisierten, freundschaft-
lichen Miteinanders. Das ist selbstverständlich nicht das Schlechteste, etwas mehr Wagemut hätte allerdings auch nicht ge-
schadet. Statt dessen wurde das Publikum mit swingender und warmer, melodischer Intonation versöhnt. Aufregend mögen
die stilistisch recht einheitlichen Programmteile nicht gewesen sein. Spannungslos waren sie deshalb nicht. Das bewahrheitete
sich einmal mehr in den Bluesballaden. Das Quintett machte auch in den erzlangsamen Passagen keinen schlappen, sondern
einen lebendigen Eindruck.

FT v. 7. 2. 2005                                                                                                                                                               

 

 

 

 

 

 

 

 

 Symphonie unter der Sandstraße

von Oliver van Essenberg

Wenn sich unter innovativen Künstlern so etwas wie ein neuer Trend breitmacht, ist es wohl der gemeinsame Hang zum Understatement. Nils Wogram ist im Jazz ein Vorreiter der neuen Bescheidenheit. Mit der Formation Root 70 war der Posaunist am Samstag im Bamberger Jazzkeller zu Gast.
Der Namen Root 70 hat einen recht banalen Grund. Die vier Mitglieder, Jahrgang 1972 bis 1976, kamen allesamt in jenem Jahrzehnt auf die Welt. Schwieriger verhält es sich mit der musikalischen Verortung in einem historischen Kontext. Die Musik hört sich wahrlich nicht nach 70ern an. Gleichwohl hat der zeitliche Hintergrund das Schaffen der Band erst ermöglicht. Ähnlich wie in den 80ern, etwa bei John Zorn, ein neuartiges Selbstverständnis von Unabhängigkeit entwickelt wurde, setzen Root 70 auf Musik, die nicht der Unterhaltung dient. Pop, Blues und Rock waren Industrie- standard geworden und hatten Jazz in unverfängliche Begleitmusik verwandelt. Dass sich Root 70 vor diesem Hintergrund einordnen lassen, hat neben der Formbeherrschung und einem von Avantgarde geprägten Verhältnis zur Musikverwertung noch andere Gründe: Root 70 nehmen das Ausloten von musikalischen Kombinationsmöglichkeiten ernst.
Die Musik hat all das zu bieten, was man vom Jazz kennt, aber in wirklich neuartigen Arrangements. Blues und Folklore-Elemente, vertrackte Rhythmen und unregelmäßige Melodielinien ziehen sich durch die Kompositionen derart subtil und feinnervig, wie es das Publikum noch nicht gehört hat. Nur durch konzentriertes Zuhören waren die zarten Verästelungen überhaupt erkennbar. Wie eine kleine Symphonie wirkte das Spiel von Hayden Chisholm am Saxophon und Nils Wogram an der Posaune, begleitet von Matt Penman am Bass und Jochen Rückert am Schlagzeug. In vielen Besetzungen heben sich die Solostimmen durch lyrische, swingende Elemente ab. Solche gesangsähnlichen Momente waren, wenn überhaupt, nur andeutungsweise zu hören. Flüsternde und summende Intonation um so öfter. Anstrengend war das anfangs zweifellos. Hatte man sich aber erst einmal eingehört, entfaltete die aus irrsinnig vielen, minimalen Veränderungen bestehende Musik unwiderstehlichen Reiz. Man wusste sich eins mit Musikern, die schon viel gehört und ausprobiert haben und denen allmählich die Maßstäbe abhanden kamen. Nach anfänglichem Zögern wuchs beim Publikum die Begeisterung. Statt unbekümmert und unbedarft mit Traditionen zu spielen, tasteten die Musiker Traditionen mit größter Sorgfalt ab. Zurückhaltend, beharrend, unverwechselbar. Schöne, eingängige Melodien konnten dadurch nicht entstehen. Manchmal aber, ganz überraschend, kleine Hymnen. Ein optimales Kontrastprogramm zum Karnevalsbetrieb.

FT v. 24. 01. 2005                                                                                                                                                 

 

 

 

 

 

 

 

Don Furiosus Glanzleistung  

von Oliver van Essenberg


Einem bewährten Brauch folgend startete der Bamberger Jazzkeller mit Lokalmatadoren ins neue Jahr. Tex
Döring
, der seit 40 Jahren als Pianist aktiv ist, machte dem Publikum ein besonderes Geschenk. Mit ihm stand
am Freitagabend die Saxophongröße Don Menza auf der Bühne.
Der gebürtige US-Amerikaner spielte als GI in
Deutschland bereits vor rund 50 Jahren in einer legendären Formation mit Don Ellis und Cedar Walton. In den
60er Jahren gehörte er zum Inventar des Max Greger TV-Ensembles. Viele von der Kritik begeistert aufgenom-
mene Arrangements folgten. Es ist nicht nötig, die Reihe der Beispiele fortzusetzen, da sonst der Eindruck ent-
stehen könnte, Don Menzas Verdienste seien inzwischen längst Vergangenheit. Sicher sind sie das zum Teil
auch, doch sein Auftritt strahlt auch mit fast 70 Jahren noch überschäumende Energie und Spielfreude aus.
Zwar gehört er aufgrund seiner Referenzen nicht zu den ganz großen Stars. Weltklasse wird der Hörer ihm aller-
dings schon bescheinigen dürfen.
Der Vergleich mit dem Tenorsaxophonisten Sonny Rollins ist Legion, und trifft im Fall Menzas voll und ganz zu.
In den hart swingenden Passagen wähnt man einen Drillbohrer am Werk. Souverän beherrscht Menza die Zirku-
lartechnik, die es ihm ermöglicht, die Luft aus- und einzupressen, ohne dazwischen absetzen zu müssen, so
dass die Dynamik der Tonabfolgen bis auf das Äußerste ausgereizt werden kann. Ein buntes Repertoire hatte
sich das Quartett für den Auftritt im quasi ausverkauften Jazzkeller ausgesucht. Stücke von Charlie Parker und
Django Reinhardt, Standards („All of me“) und Unbekanntes, Cool- Jazz, Be- und Hard-Bop – all das, was zum
anspruchsvollen Kernbestand gehört. Menza spielte dementsprechend minutenlange Soli mit so viel Drive und
Geschick, dass das Konzert an keiner Stelle ermüdend wirkte. Neben voluminösen Hard-Bop-Einlagen kann er
die Töne luftig dahinfliegen lassen und lyrisch verspielte Interpretationen zum Besten geben. Auch wenn er nur
ein Instrument bearbeitet, scheint in vielfältigen Nuancen stets der Multiinstrumentalist durch, der Klarinette,
Trompete und Saxophon gleichermaßen gut handhabt.
Klar, dass der Mann an diesem Abend ganz im Vordergrund stehen sollte. Seine Kollegen Tex Döring (Klavier),
General Hartlieb (Kontrabass) und Uli Thielmann (Schlagzeug) bereiteten dafür, mit sehr solidem Zusammenspiel,
den Boden. Wunderbar.

FT v. 10. 01. 2005