Presse 2012

 

27. 4. 2012             Axel Jung                             

30. 3. 2012             Hassenstein Trio                

16. 3. 2012             E und U Mann                      

27. 2. 2012             Die.Hammerling                 

2. 2. 2012               Rosetta Trio                        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Die laue Luft eines Sommerabends 

von Oliver van Essenberg

Die beste Freundin eines Gitarristen ist und bleibt die Gitarre. Zumindest wenn es um die lyrischen Momente
geht. Kein (weiblicher) Gesang kann so lange und so unaufdringlich betörend auf den Hörer wirken wie eine
sanft vibrierende Jazz-Gitarre. Vorausgesetzt, die Kompositionen stimmen. Der Gitarrist Alex Jung hat in
dieser Hinsicht fast alles richtig gemacht. Mit vier Gleichgesinnten brachte der junge, von den Blue Notes
infizierte Musiker im Bamberger Jazzkeller seine Version des klassischen Gitarren-Jazz auf die Bühne. Die
charakteristische Mischung aus wehmütigem Soul und euphorisierenden Sololäufen hat nach wie vor einen
hohen Reiz. Die Musik verströmt die Atmosphäre eines lauen Sommerabends. Die Beine wippen im Takt,
im Fluss mit dem Groove, die Stimmung ist schon entspannt, aber immer noch angeregt. Und dann setzt
die elektrisch verstärkte Gitarre ein: filigran, volltönend, ein bisschen „spacig“, entfernt wie ein Saxofon klin-
gend.
Alex Jung brachte den Schmelz dieser Musik mit dem Saxofonisten Tony Lakatos schön und ohne Sentimen-
talität auf den Punkt, wobei der Gitarrist sich erst nach und nach von seiner inneren Anspannung freispielte.
Überhaupt machten die sehr leichtfüßig und unverschwitzt daher kommenden Arrangements zunehmend
mehr Spaß. Der gut aufgelegte Pianist und Jazz-Echo-Preisträger Tim Allhoff erwies sich im Zusammenspiel
als kongenialer Partner. Da ist es fast egal, dass der einschlägige, immerhin über 50 Jahre alte Blue-Note-
Sound, mit dem das New Yorker Jazzlabel Geschichte schrieb, an diesem Abend als Blaupause diente.

Mit der Interpretation eines Stücks von Horace Silver setzten Jung und Lakatos einen Schlusspunkt, zugleich
ein Höhepunkt hinsichtlich emotionaler Tiefe und kunstvollem Aufbau. Jungs eigene Kompositionen brauchen
sich dahinter nicht zu verstecken. Zwar fehlten die richtig großen Momente, doch gab es keinen Durchhän-
ger. Das hohe internationale Niveau des Jazz-Nachwuchses ist beachtlich.

 FT v. 30. 4. 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schubidu und ein Star am Bass

 von Oliver van Essenberg

Wer im Jazzkeller ein „Starkonzert“ besucht, kann Glück, manchmal aber auch Pech haben. Und manchmal liegt ein Konzert so ungefähr dazwischen. So etwa auch, wenn ein zwiespältiger Eindruck entsteht: solistische Höhenflüge einerseits, unauffällige Durchschnittlichkeit andererseits. Als Kritiker liegt man nicht falsch, wenn man das Konzert des Christian Hassenstein Trios vom vergangenen Wochenende in diesem Zusammenhang verortet.
Das Trio wirkte homogen und gut eingespielt. Die Musiker versiert, zum Teil überaus fähig. Aber die Arrangements? Nur selten fielen sie aus dem Rahmen der gewöhnlichen Jazzimprovisation heraus. Die Mischung aus Blues, Swing, Latin-Grooves und ein wenig Weltmusik kam mit so viel lässigem Schubidu daher, dass die meisten Passagen glatt unter der Aufmerksamkeitsschwelle durchrutschten. Christian Hassenstein, als Gitarrist der Dreh- und Angelpunkt des Trios, spielte seine ausgreifenden Soli zwar professionell, zugleich aber mit bemerkenswerter Beiläufigkeit herunter. Wie bei einem Trio auf Durchreise, das sich und den Gästen einen netten Abend bereitet, konnte das Konzert somit als „recht angenehm“ abgehakt werden.
Für ein „Starkonzert“ ist das zu wenig. Den damit verbundenen Erwartungen wurde einzig David Friesen gerecht. Aus dem Hintergrund setzte er mit seinem elektrischen Bass, einer Sonderanfertigung der Marke „Hemage Bass“, anregende Kontrapunkten zum Gitarrenspiel. Beeindruckend, mit welcher Kraft und wie viel Spielwitz er eine trockene Session in einen Funken sprühenden Auftritt verwandeln konnte. Wie er mit Klopfen und Reiben des schmalen Klangkörpers die Ausdrucksmöglichkeiten erweiterte und im Wechselspiel mit Drummer Joost Lijbaart packende Rhythmusfiguren erzeugte. Das alles hatte Klasse und wurde vom Publikum mit hörbarer Begeisterung belohnt. Der Applaus mag nicht allein über Qualität entscheiden. Einen Anhaltspunkt liefert er zweifellos. Der freundliche Beifall unterstrich in diesem Fall die mittelprächtige Leistung.

FT v. 3. 4. 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leben in der Schwebe  

von Oliver van Essenberg

Die Kleingeisterei, die zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik unterscheidet, wirkt gerade in der
Jazzmusik skurril. Ein Kennzeichen des Jazz ist die Grenzüberschreitung. Aber Genres sind hilfreich,
denn Menschen – insbesondere das Publikum, weniger die Profis – brauchen Einordnungen zur Orien-
tierung. Vier Musiker haben das begriffen und die für Ernst und Unterhaltung stehenden Kürzel „E“ und „U“
zum Bestandteil ihres Namens gemacht. „E und U Mann“, am Freitagabend zu Gast im Bamberger Jazz-
keller, setzten auf die Verquickung und siehe da: Formstrenge und spielerische Exzentrik gingen Hand in
Hand.
Apropos Spiel: „E“ und „U“ steht hier auch für zwei Männer, Daniel Erdmann (Saxofon) und Gebhard Ullmann
(Saxofon und Bassklarinette). Frontmänner sind sie in der Formation nur gelegentlich. Johannes Fink (Bass)
und Christian Lillinger (Drums) sind mit mindestens demselben Feuer wie ihre Kompagnons unterwegs.
Das Reisen und Leben in Schwebezuständen (Flugzeug, Schwebebahn, Wohnen auf Zeit) hat sich den
Kompositionen eingeschrieben. Die Musik baut auf vielen kleinen Loops, Schleifen auf. Strenge, in sich
gewundene und schwer zu verstehende Formen vermitteln die Ernsthaftigkeit, um die es der Band geht.
Das moderne, urbane Lebensgefühl wäre jedoch unvollkommen, wenn Strenge und Disziplin nicht immer
wieder Platz machen würden für ein Gefühl der Entfremdung und für humorvolle Distanz. Der Band gelingt
diese in Musik verwandelte Philosophie ganz subtil, durch die Beherrschung und Übersteigerung der Aus-
drucksmittel. Die Exaltiertheit kommt hier, im Unterschied zu manch anderen Bands, nicht unangenehm
und aufgesetzt daher. Sie ist nicht formaler Selbstzweck, sondern eine Form, die auf einen Inhalt verweist.
Der Modern Jazz hat Energie und Substanz. Blues und Big Band Sounds sind in den Arrangements wie
ein Nachhall aus nicht allzu ferner Vergangenheit präsent. Wissen, Erfahrung und Virtuosität fließen gene-
rationsübergreifend ineinander. Auf musikalischer Seite entsprechen dem: Kraft, Präzision und Phantasie.

FT v. 20. 3. 2012

 

 

 

 

 

 

 

 

Vielfalt statt Einfalt 

von Oliver van Essenberg

„Hommage an die verlorenen Sprachen“ nennt das Trio „Die.Hammerling“ ihr jüngst erschienenes Album. Wie so
oft bei einer Hommage an Verlorenes schwingt darin Wehmut mit. Aus der Ferne hallt der Rhythmus der Volks-
musik nach, Dialekt-Tönungen vermitteln ein Gefühl von Heimat. Zur atmosphärisch verwehten Tango-Melancholie
gesellt sich das Zirpen der Maultrommel und der Trompeter spielt eine einsame Melodie.
Zeit für Besinnung? Ja. Im Bamberger Jazzkeller rettete „Die.Hammerling“ gefährdete Kulturgüter in unsere Zeit.
Aber das Gute daran ist: Die Mitglieder tragen den Anspruch nicht wie einen Bildungsauftrag vor sich her. Denn
bei aller Exklusivität, die mit Instrumenten wie Alphorn, Maultrommel, Akkordeon, Kuhglocken und seltenem
Schlagwerkzeug demonstriert wird, folgt die Band einem spielerischen, offenen Konzept. Statt – vergeblich – nach
„der“ verlorenen Sprache zu suchen, vermischen die Musiker die vermeintlich stabile Ordnung der Dinge. So ent-
stehen fragmentarische Stücke, ohne Zentrum und ohne Sampler zusammengeschnipselt. Es wird verknüpft,
was im Zeichen der Weltmusik ineinanderfließen kann: Song und Klangforschung, Folklorismen und Experimente,
Tradition und Innovation, Volkstümliches und Feinsinniges.
Ein weites Feld war es, das sich damit aufspannte. Dass der Ansatz zu kabarettistischen Einlagen einlädt, liegt auf
der Hand. „Die.Hammerling“ hätte wahrscheinlich besser daran getan, auf die eine oder andere dadaistische Albern-
heit und Ausflüge ins Karnevaleske zu verzichten. Abgesehen von dem seltenen Versatzstück-Recycling beeindruck-
te indes die Originalität. Der Einfallsreichtum und die ungewöhnliche Kombination der Instrumente trugen ihren Teil
dazu bei, dass das Interesse und die Spannung bis zum Ende anhielten. In den liedhaften Stücken konnte Michaela
Dietl, seelenvoll singend und Akkordeon spielend, den Abend zu einem Ereignis machen. Die ehemalige Straßenmu-
sikerin hat in dem bajuwarischen Trio, das Fritz Moßhammer und Erwin Rehling in schöner Weise ergänzten, die
Qualifikationen, die diese Art Musik braucht: Glaubwürdigkeit und Authentizität. 

FT v. 27. 2. 2012

 

 

 

 

 

 

 

Mit spitzen Fingern   

von Oliver van Essenberg

 Drei Musiker und drei Saiteninstrumente – Diese Besetzung kennt das Publikum einerseits in Gestalt der klassischen
Gitarren-Feuerwerke, von Hallen und Stadien füllenden Musikern wie Al Di Meola, Paco de Lucia und John Mc Laughlin,
andererseits als intime kammermusikalische Formation. Für ein Jazz-Trio ist sie einigermaßen ungewöhnlich; das
Rosetta Trio, das am Mittwochabend im Jazzkeller gastierte, verdiente schon von daher Aufmerksamkeit. Die Erwartungen,
die an eine solche Besetzung im Jazz gerichtet werden, sind aufgrund der Ähnlichkeiten mit einem Klassik-Trio allemal
hoch, zumindest im konzertanten Rahmen, der höhere Anforderungen stellt als an Begleitmusik für einen bunten Abend.
Demgegenüber kam das Rosetta Trio sehr langsam in Gang. Das erste Viertel des Konzertes blieb stilistisch weitgehend
dem Umfeld der Fusion-Bands verhaftet, die bereits vor 30 Jahren soulig groovende Rhythmen, erdigen Blues und Jazz-
Improvisation an der elektrischen Gitarre vereinten. Auch wenn das Rosetta Trio wesentlich milder und reduzierter agier-
te als jene Ahnherren, erschien der voluminöse, weichgespülte Klang doch eine Spur zu gemütlich.
Zum Glück sollte der erste Eindruck nicht der entscheidende sein. Denn nach und nach entwickelten sich die Stücke,
zumeist Eigenwerke des Bassisten Stephen Crump, zu einem feinen Gewebe mit vielfarbigen abstrakten Strukturen,
sich überlagernden Rhythmen und Melodielinien sowie intelligenten Spannungsbögen. Schön, wie unangestrengt, gera-
dezu besinnlich moderner Jazz klingen kann. Liberty Ellmann und Jamie Fox, der bereits als Lead-Gitarrist für Blood Sweat
& Tears (!) arbeitete, brachten die resonanzverstärkten Saiten auch bei ausgetüftelten Wendungen, wo es auf jeden einzel-
nen Ton ankommt, entspannt zum Schwingen. Das luftige Wechselspiel rundete Bassist Stephan Crump mit Tiefe und Ide-
enreichtum ab. Blues, Soul und Jazz flossen als Sound-Cluster in dem Klangteppich so spitzfindig und feinsinnig zusammen,
dass am Ende allen Ansprüchen an „sophisticated High-End-Jazz“ Genüge getan war.

FT v. 2. 2. 2012