Cécile Verny (Jahrgang 1969) wuchs in Afrika, an der Elfenbeinküste, aus. Im Alter von 12 Jahren siedelte sie nach Frankreich über. Ihren ersten Auftritt als Sängerin hatte sie mit 17. Ein Jahr später gründete sie mit drei Musikern in Straßburg das Cécile Verny Quartett. Es wurde mehrfach ausgezeichnet, 2006 für das Album „The Bitter and the Sweet“ unter anderem mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“. Seit 1989 lebt Cécile Verny in Freiburg im Breisgau. Sie schreibt ihre Songtexte selbst und singt vorwiegend auf französisch und englisch. Im Jazzkeller Bamberg war sie mit ihrem Quartett schon einige Male zu Gast. Foto: Felix Groteloh

Für die Schwingungen in den Herzen - Cécile Verny und der Vocal-Jazz

Wie wichtig ist für Sie als Sängerin die Sehnsucht nach Nähe, Wärme und Geborgenheit? Ist das für Sie wichtig, um aus sich selbst herausgehen zu können? 

Meinen Sie für die Musik oder für den Text?

Für die Musik.

Auf jeden Fall. Musik ist dazu da, um Menschen zu berühren, aufzuwühlen. Aus der Ferne ist das schwieriger. Spontan würde ich sagen, dass man Menschen mit melancholischen Kompositionen mehr berührt als mit total fröhlichen Liedern. Das gibt es auch, aber mit einer melancholischeren Art kriegt man eher einen Zugang zu den Schwingungen in den Herzen. 

Ist der Jazz da für Sie besonders geeignet? Denn interessanterweise wollten sie anfangs ja gar nicht zum Jazz. 

Ich wollte nicht da hin, weil ich die Musik auch gar nicht kannte. Gerade wenn man jung ist, erlaubt man sich zu kategorische Urteile über Dinge. Dann habe ich diese Musik kennengelernt und festgestellt, Jazz ist sehr, sehr vielseitig. Wenn man überlegt, dass Jazz von Neue Musik bis zu Rhythm and Blues und Pop geht über Swing, Oldtime, Modern, Gospel. Für mich persönlich hat sich vor allem in den letzten Jahren die Erfahrung gefestigt, dass Jazz nicht unbedingt Swing im rhythmischen Sinn ist, dass Jazz viele andere Färbungen haben kann. Natürlich soll die Musik grooven und organisch sein. So gesehen kann aber auch Rhythm and Blues oder Reggae swingen. Wenn es gut gespielt ist, sollte jede Musik in Bewegung bringen, nicht unbedingt in eine Tanzbewegung, sondern in eine innere Bewegung.

Beim Cécile Verny Quartett entsteht die Musik, wenn ich mich richtig informiert habe, im Wechselspiel zwischen Ihnen und der Band.

Bei unserer neuesten CD „Fear & Faith“ war es ganz besonders. Davor war es immer so, dass der eine mit einem Song kam oder mit Bruchstücken, die wir zusammengebaut oder am Ende wieder verworfen haben. Dieses Mal ist vieles zusammen entstanden, und ich habe so vieles mitkomponiert wie noch nie. Wir saßen zusammen und auf einmal spielte jemand Bass und sagte: „Sing jetzt was“. Und dann singe ich etwas. Wenn es gefallen hat, haben wir in dieser Richtung weiter gemacht. 

Das ist aber gut, um eine gewisse Leichtigkeit zu behalten. Wenn Sie die Stücke erst vorher ausdiskutieren müssten, ginge das vielleicht verloren.

Das ist eine andere Art zu arbeiten. Wir haben unsere Sessions aufgenommen, sie diskutiert und die Stücke daraufhin weiterentwickelt. Aber der Ausgangspunkt war die Spontaneität. Das hat dazu geführt, dass die Platte mehr auf Rhythmik und Groove setzt, weil man sich beim gemeinsamen Jammen nicht in langen Akkordfolgen verlieren kann. 

Es ist gibt ja die gängige Vorstellung, das Klischee, dass gerade afrikanische Musik besonders spontan und emotional ist. Inwiefern trifft das zu?

Das ist schwer zu sagen, weil die Musik so vielseitig ist. Natürlich ist es schon so, dass die Menschen ihre Freude anders ausdrücken. Das haben wir zum Beispiel gemerkt, als wir 2012 in Südafrika gespielt haben. Dass man schwarzen Künstlern oft eine gewisse Lockerheit als Bonus vorab gibt, ist auch so und sicher gut gemeint. Ob dieses positive Vorurteil gerechtfertigt ist, weiß ich nicht, das möchte ich nicht bewerten. Außerdem kann hinter großer Spontaneität viel Arbeit stecken. Man kann nur so gut spontan sein, wie gut man die Abläufe verinnerlicht hat. Das ist wie beim Improvisieren. Ohne Rahmen ergibt Improvisieren keinen Sinn. 

Sie haben in Ihrem Leben zwei Kulturkreise hinter sich gelassen. Erst Afrika, dann Frankreich. Dann kamen sie nach Deutschland. Was bedeutet das für Ihr Selbstverständnis?

Es hat mich so geprägt, wie ich aufgewachsen bin. Oft fragen mich Menschen „Und hast du die deutsche Staatsangehörigkeit?“. Da sage ich „Nein, wozu?“. Ich bin Französin, auch wenn ich mit manchen Gepflogenheiten inzwischen nicht mehr klar komme. Denn ich trage auch einen großen Teil Deutschland in mir. Und wenn ich in den Spiegel gucke, sehe ich eine Afrikanerin mit all ihren Mischungen. 

 Ihre Weltoffenheit korrespondiert allerdings sehr gut mit der des Jazz.

Ja. Jazz ist eine Lebensart und eine gemischte Musik von Anfang an, die Menschen unterschiedlichster Herkunft und Farben zusammengebracht hat. Jazz lebt von dieser Bereicherung. Es ist für mich eine Musik, die zwangsläufig Offenheit verlangt. Aber das ist nicht immer der Fall. Jazz war in den 60er Jahren bei den schwarzen Musikern auch ein Ausdruck von Revolte. Womit ich allerdings nichts anfangen kann, ist diese „Easy-Going-Haltung“, so in der Art „Oh, das ist jazzy, lass uns das jetzt mal im Hintergrund hören und einen Cocktail trinken.“ Da wird Musik zu sehr zum Konsumgut. Ich finde es wichtig, dass der Intellekt wach bleibt. Deswegen versuche ich mit den Stücken auch inhaltlich etwas über das Leben zu sagen. 

Welche Musik hat bislang den Soundtrack Ihres Lebens geschrieben? 

„Soundtrack meines Lebens“ finde ich einen sehr schönen Ausdruck. Ich bin nicht mit den Beatles und den Rolling Stones aufgewachsen. Wenn ich die Musik höre, schwingt bei mir nichts. Aber wenn ich eine alte Platte von Lionel Richie Platte oder Michael Jackson oder von Bob Marley auflege, kommt etwas ganz anderes auf. Was mich wahnsinnig bewegt hat, als ich angefangen habe zu singen, ist das Duett von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald. Sonst wechselt es. In den letzten Jahren habe ich sehr viel John Mayer gehört, ein Jazz-Blues-Gitarrist. Ich höre auch viele Sängerinnen, zum Beispiel „Pink“ und Alicia Keys. Das kann sehr inspirierend sein, auch im Pop-Bereich.  

Vocal-Jazz ist in den späten 90er Jahren durch Sängerinnen wie Diana Kral und Cassandra Wilson wieder populär, fast massentauglich geworden. Hat Sie das beeinflusst? Beziehungsweise hat dieser Erfolg der Band geholfen?

Das weiß ich nicht. Obwohl wir uns klar von Tutti-Frutti-Jazz – also einmal Bossa, einmal Swing, dann wieder das – gelöst haben, hoffe ich für uns, dass unser Fokus sowohl textlich als auch musikalisch klar ist und dass er von jedem Zuhörer wahrgenommen wird. Nur haben wir wie viele andere Bands aus der Jazzwelt das Podium nicht, die Medien nicht und auch das Geld nicht, um allein davon existieren zu können. Dennoch sollte man sich Jazz auch städtisch und politisch leisten, weil es ein Raum für Freiheit und Zusammenkommen ist. Es gibt mehr und mehr Schulen, in denen das Wissen weitergegeben wird, was früher nicht der Fall war – eine wunderbare Entwicklung. Insofern ist jede Aufmerksamkeit wichtig. Nur: Sie können ein Auto Jazz nennen, einen Duft und eine Unterwäsche auch. Aber wenn Sie die Musik Jazz nennen, schrecken Sie etliche Menschen ab. Wieso? Viele haben noch eine veraltete Vorstellung vom Jazz, aber sehen nicht, dass Jazz auch Norah Jones sein kann. Was ich manchmal persönlich erlebe, ist, dass mich Konzertbesucher nach einem Auftritt fragen: „Ah, ist das Jazz?“. Ich sage: „Ja, ich denke schon, von der Rhythmik und den Harmonien her.“ Und dann sagen sie: „Dann gefällt es mir.“ Dann denke ich mir, okay, wir haben ein bisschen dazu beigetragen, dass Jazz weiterbestehen kann.

Nicht nur Vocal-Jazz, sondern auch Swing und Schlager haben eine Renaissance erlebt, wie man zum Beispiel an Max Raabe oder an Till Brönners Ausflügen ins klassische Fach sieht. Meinen Sie, es hat damit zu tun, dass Menschen in unsicheren Zeiten konservativ werden?

Ich finde, dass die Deutschen sich selbst oft zu schnell schlecht reden. Die Franzosen haben den Chanson, das stört sie nicht. Die Italiener haben ihre Barden. Schlager sind doch gut. Überlegen Sie: Die ganzen Jazz-Standards in den 40er und 50er Jahren, das waren Schlager zu ihrer Zeit, Auszüge aus Musicals. Ich habe mit der WDR-Big-Band drei Stücke von Zarah Leander eingespielt. Es war wunderschön, auch vom Handwerklichen her. 

Ist es für Sie wichtig, dass man zur Musik mitsingen kann?

Ich denke, es würde dem Jazz eine andere Schlagkraft geben. Die Menschen hätten einen anderen Zugang, weil sie sich nicht mehr nur passiv berühren lassen. Stellen Sie sich mal vor, Sie gehen singend aus einem Konzert und denken immerzu „Ah, dieses Lied von Cécile Verny“. Das wäre doch toll.