Max Kienastl (Jahrgang 1931) wuchs in Regensburg auf und hielt schon als Fünfjähriger eine Geige in der Hand. Nebenbei sang er bei den Regensburger Domspatzen. Nach 1945 baute er sich eine eigenwillige, zweigleisige Karriere als Jazzer und Klassiker auf. Bis in die 1960er Jahre hinein spielte er abwechselnd Geige, Vibraphon und Posaune. Von 1966 bis 1996 war er als Geiger fest bei den Bamberger Symphonikern engagiert. Als Jazzmusiker wirkte Max Kienastl viele Jahre an Rundfunkaufnahmen mit (v.a. mit dem Gitarristen Jan Rigo, dem Pianisten Thomas Fink und dem Gitarristen Helmut Nieberle). Im Bamberger Jazzkeller ist er seit Jahrzehnten als Musiker zu Gast. Foto: Eva Hagen

Max keeps swinging - Max Kienastl pendelt zwischen Klassik und Jazz

Bei keinem anderen Instrument der Jazzmusik ist der europäische Anteil der herausragenden Musiker so stark wie bei der Geige. Stehen Sie daher auch einer europäischen Musiktradition näher als an einer amerikanischen?

Das stimmt schon. Die Geige eignet sich ohnehin nur bedingt für den Jazz. Der Anschlag ist bei einem Klavier oder einer Trompete etwa gestochen scharf, bei der Geige ist das nicht der Fall, das Instrument klingt eher weich. Und daher fehlt da ein ganz wichtiger Impuls für den Jazz, der ja eine starke rhythmische Seite hat. 

Die klassische Musik bestimmte Ihre Kindheit. Hätte es nicht das Kriegsende und die Amiclubs der US-Kasernen gegeben, dann wären Sie vermutlich ganz bei der Klassik geblieben. Dennoch wechselten Sie immer wieder zum Jazz beziehungsweise der Jazz zu Ihnen. Wie kam das?

Das begann 1946 in Regensburg. Die Amerikaner suchten nach dem Krieg sofort Musiker. Es gab ja kaum welche. Ein Teil war gefallen und der Rest war in Gefangenschaft. Da ich damals schon seit 10 Jahren Geige spielte, konnte ich in den Ami-Club einsteigen. Die Musik war relativ kommerziell, an aktuellen Hits orientiert. Ich war froh, mitspielen zu können, weil da gut gezahlt wurde und ich wirklich nichts besaß. Ich trat anfangs nur in kurzen Hosen auf, denn ein Paar lange Hosen hatte ich noch nicht. 

Erst als ich 1950 nach Ulm kam, wo eine große US-Garnison stationiert war, bekam ich die Chance, vorwiegend Jazz in einem der Ami-Clubs zu spielen. Das Engagement bekam ich nur mit Hilfe eines Tricks. Da die Amerikaner keine Geigen im Jazz hören wollten, bluffte ich beim Vorstellungsgespräch und sagte kurzerhand: „Ich spiele auch noch Vibraphon.“ Obwohl ich das Instrument nur vom Hörensagen kannte. Also sollte ich am nächsten Tag noch einmal mit einem eigenen Vibraphon vorspielen. Zum Glück fand ich eines in einem Musikgeschäft. Ich lieh es mir aus und hämmerte die ganze Nacht drauf herum, bis ich drei Stücke konnte. Das reichte aus. 

Sie wurden trotzdem noch Jazzgeiger.

Als 1954 die Juke-Boxes aufkamen, wurden die Bands in den Ulmer Ami-Clubs entlassen. Vibraphon war mir dann zu unsicher und ich habe auf die Geige umgeschwenkt. Irgendwann 1960 kam ein Anruf vom Bayerischen Rundfunk aus Nürnberg: „Wir suchen einen Posaunisten für unsere Bigband... das kannst du schon, du hast sechs Wochen Zeit, um dich vorzubereiten.“ Ich willigte ein und bekam einen Job als freier Mitarbeiter. Ich konnte nebenbei im Unterhaltungsorchester Geige spielen und in Jazzclubs Jazz. Als 1965 das Bigband-Sterben begann, musste ich mich allerdings wieder neu orientieren. Ich bekam eine Stelle als Geiger im Nürnberger Opernhaus, wo ich bereits als Posaunist ausgeholfen hatte, wechselte wenig später aber nach Bamberg zu den Symphonikern. Und als dort in den 70er Jahren der Jazzclub entstand, war ich von Anfang an mit dabei. 

War das schwierig, Jazz und Klassik unter einen Hut zu bringen? Der Wechsel von einem zum anderen erfordert doch sicher erst einmal eine Umgewöhnungszeit.

Bei einer längeren Unterbrechung schon. Nach der Zeit in Ulm, wo ich Jahre lang fast nur Jazz gespielt habe, war der Wiedereinstieg in die Klassik mühsam. Aber sonst hat es mir keine Schwierigkeiten bereitet. Ich habe auch oft bei meinen Reisen mit den Symphonikern nach Konzerten Jazzclubs aufgesucht und dort auf meiner Geige in Sessions mitgespielt, zum Beispiel in Amerika, Japan und Südamerika und auch in Deutschland.

In welcher Zeit war das?

Das war in den schon 1970er Jahren, vor allem aber in den 1980er Jahren.

Sie waren meines Wissens bis dahin das einzige Orchestermitglied, das zweigleisig arbeitete, in der Klassik und im Jazz. Sind Ihnen die Kollegen mit Misstrauen begegnet?

Das war anfangs, also in den 1960er Jahren, vor allem seitens der Direktion zu spüren. Sie hat ab und an abfällige Bemerkungen gemacht, mit Aussagen wie „Das taugt doch nichts“, „darauf lässt sich doch ein Klassiker nicht ein“. 

Und haben Sie selbst die Musik auch unterschiedlich bewertet, also die Klassik zum Beispiel als Kunst eingestuft, Jazz dagegen als Unterhaltung?

Überhaupt nicht. Ich wusste, Klassik ist einfach eine andere Art Musik. Aber für mich war beides gute Musik.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wesentlichen Unterschiede?

Die Auffassung und die Stilistik und vor allem die Phrasierung, die Tongebung, sind völlig anders. Klassische Musiker haben sich die Improvisation zum Teil aufgeschrieben, aber das klingt nicht richtig. 

Meinen Sie, dass Jazzer im Unterschied zu klassischen Musikern sich eher mal Ungenauigkeiten leisten?

Im Gegenteil! Die rhythmische Präzision eines Jazzmusikers übertrifft in der Regel die der Klassik bei Weitem. In einem großen Orchester gibt es von Haus aus nicht diese Präzision. Vielleicht spielen die Musiker präzise, aber es klingt nicht so, gerade die Streicher klingen zwangsläufig immer etwas verwaschen.

Welcher Jazz ist Ihnen über Jahrzehnte hinweg ans Herz gewachsen?

Ich liebe Aufnahmen des Geigers Stéphane Grappelli. Sehr bewundere ich zudem Didier Lockwood, der auch eine klassische Ausbildung hatte. Ich bin auch ein großer Freund von Oscar Peterson und Duke Ellington. Ellington war zwar nicht der beste Pianist, hatte aber tolle Ideen. Der Trompeter Miles Davis war auch ein großes Vorbild. Den Free Jazz dagegen mochte ich nicht mehr. Wenn es kein geordnetes harmonisches Konzept gibt, tue ich mich schwer. 

Was zeichnet ein gutes Swing-Feeling aus?

Gute Jazzer spielen den Swing völlig relaxed. Der Pianist Paul Kuhn ist dafür ein gutes Beispiel. Er spielt immer einen Tick nach dem Beat, ganz leicht hinterher. Das ist charakteristisch für den Jazz und eine Kunst, die ich sehr liebe. Leider beherrsche ich sie nicht so gut wie ein Altmeister. Ich glaube, das muss angeboren sein.

Wenige andere Musiker haben so viele Konzerte im Bamberger Jazzkeller gegeben wie Sie. Was bedeutet Ihnen der Keller?

Sehr viel. Es ist ja sonst weit und breit nichts da. Der Keller hat mir auch anfangs schon sehr viel bedeutet. Als Ausweichmöglichkeit konnte ich zwar nach Nürnberg fahren. Dann gab es in den 70er Jahren in Erlangen noch den Jazzclub „Pupille“, wo ich auch oft gespielt habe. Der Club wurde nach rund 10 Jahren geschlossen. Aber in Bamberg gab es nur – Gott, sei Dank – den Jazzkeller. Anfangs noch mit ein paar Unzulänglichkeiten, die mit der Musik allerdings nichts zu tun hatten. Durch den Umbau und die große Lüftungsanlage hat sich das alles gebessert. Dann durfte man auch nicht mehr rauchen. Das war für mich wichtig, ich bin ja Nichtraucher. Aber ich habe immer gern gespielt.