Liebevollle Miniaturen

Als der Münchner Musikjournalist Ralf Dombrowski 2019 sein Buch mit „111 Gründen, Jazz zu lieben“ fertigstellte, war an den weltweiten Lockdown der Jazzclubs noch nicht zu denken. Im Nachhinein betrachtet wäre aber auch diese kritische Phase wohl nur eine Randnotiz in der langen, vielschichtigen Entwicklung des Jazz, die reich ist an Auf und Ab, wobei die Liebe mit den Wechselfällen der Geschichte nicht schwächer, sondern reifer geworden ist. Wer gute Gründe braucht, den Jazz zu lieben, findet sie in den liebevollen Miniaturen dieses klugen Buches. Die in 111 Überschriften formulierten Gründe sind dabei nicht so wichtig, wie es den Anschein hat. Oft bilden sie nur einen Anlass für den Autor, um ein „Netz der Anknüpfungsoptionen“ ausbreiten zu können. Der Leser erfährt viel Persönliches und Anekdotisches, Kurioses und Unterhaltsames, Erstaunliches und Bekanntes in einem neuen Zusammenhang. Zum Beispiel, warum es im Jazz so wenig Idioten geben soll. Warum Japan die treuesten Fans hat. Dass es in den Staaten eine Kirche zu Ehren John Coltranes gibt. Dass Cab Calloway ein Ahnherr des Rap ist und dass Jazz nebenbei auch im Weltraum gehört wird...

Das Buch lässt sich sehr gut abschnittsweise lesen, da die einzelnen Beiträge in sich geschlossene Episoden darstellen. Manchmal wünschte ich mir eine ausführlichere Entfaltung der Gedankengänge statt eines essayistischen „Anreißens“ von Themen. Die 111-Serien-Idee lässt das aber leider nicht zu. Uneingeschränktes Lob verdient jedoch der farbige Stil, der wohltuende Verzicht auf einen theoretischen Überbau, der Musiker nicht zu Fallbeispielen einer allgemeinen Anschauung degradiert, sondern viel Raum für die Schilderung einmaliger Entwicklungen und konkreter Ereignisse lässt. Als Erweiterung zu dem mannigfaltigen Jazz-Kaleidoskop hat der Autor am Ende 111 Alben aufgelistet, die allesamt als Empfehlung gelten können. Sie liefern mehr als genug Stoff, um die konzertfreie Zeit spannend nutzen zu können. Oliver van Essenberg

Ralf Dombrowski: 111 GRÜNDE, JAZZ ZU LIEBEN. 264 Seiten, Paperback mit zwei farbigen Bildteilen. ISBN 978-3-86265-804-6, Verlag: Schwarzkopf & Schwarzkopf, Preis: 14,99 Euro.